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Tagungsgeschehen: Jugendpanel mit Jugendlichen aus Meckenheim Tagungsgeschehen: Jugendpanel mit Jugendlichen aus Meckenheim

Gott

Visionen einer Kirche der Zukunft mit Jugendlichen

Zu diesem Thema fand im Jahr 2008 eine Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland in Kooperation mit dem Amt für Jugendarbeit der Evangelischen Kirche im Rheinland (EKiR) in Bonn statt.

Vor rund 60 Teilnehmerinnen und Teilnehmern referierten die Jugendforscher Professor Dr. Richard Münchmeier von der Freien Universität Berlin und Professor Dr. Astrid Dinter von der Pädagogischen Hochschule Weingarten aus Studien zu Jugend und Kirche. Oberkirchenrat Klaus Eberl aus Düsseldorf brachte Anregungen und Vorstellungen darüber mit, wie die Evangelische Kirche im Rheinland die Jugend von heute in ihre Pläne für morgen einbezieht. Jugendliche aus der Evangelischen Jugend im Rheinland sprachen über ihre Erfahrungen und Wünsche an eine Kirche der Zukunft. Mike Corsa, Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft der Evangelischen Jugend in Deutschland, plädierte für eine „Kirche der Freiheit“ mit Jugendlichen.

Neue Herausforderungen an Jugend und Kirche

Angesichts neuer gesellschaftspolitischer Veränderungen und Herausforderungen bleiben auch kirchliche Traditionen und Strukturen nicht verschont. In der Evangelischen Kirche wurden neue Visionen und Konzepte für eine zukunftsfähige Kirche unter der Überschrift „Kirche der Freiheit“ entwickelt. Dieses Impulspapier wurde von der Evangelischen Kirche in Deutschland (EKD) 2006 vorgelegt und setzt stark auf die Zukunftsperspektive der Kirche. Damit stellt sich notwendig die Frage:„Wie kann Kirche so sein, dass Jugendliche sagen: das ist auch unsere Kirche ?“

Diese Frage war für Dr. Frank Vogelsang und Landesjugendpfarrer Rüdiger Breer, Leiter des Amtes für Jugendarbeit der EKiR, die Herausforderung für diese Tagung. Zusammen mit Jugendforschern, Vertretern aus Landeskirche und Jugendpolitik, Mitarbeitern aus der Jugendarbeit und Jugendlichen aus der Evangelischen Jugend im Rheinland sollen Zustände beschrieben, Fragen gestellt und Antworten auf diese Herausforderung gefunden werden.

"Jugend ist erfunden worden, um die Ökonomie zu bedienen"

Der Jugendforscher Richard Münchmeier stellte zunächst fest, dass Jungsein heute bedeute, mit neuen Widersprüchen zu leben. Die Funktion der Jugendzeit als gesellschaftliches Moratorium, um allmählich in die Erwachsenenwelt hinein zu wachsen, gibt es so nicht mehr. Die heutige Gesellschaft ist gekennzeichnet von Dynamisierung, Flexibilisierung, Individualisierung. 
„Jugend wird zum strategischen Vehikel für gesellschaftlichen Fortschritt“, sie wurde erfunden, um die Ökonomie zu bedienen, um Arbeitsvermögen herzustellen. Der Zugang ist nur durch Bildung zu erlangen. Gleichzeitig „vernützt“ der gesellschaftliche Fortschritt zusammen mit der Globalisierung gerade diese Voraussetzung, damit Jugend überhaupt stattfinden kann: der Zugang zu Bildung und Ausbildung ist nicht mehr für alle Jugendliche gewährleistet, ein Teil von ihnen landet direkt in der Arbeits- und Perspektivlosigkeit.
Jugend wird damit zur Bildungsjugend, sie verliert ihren Schonraum, ihren Freiraum, sich auszuprobieren und die eigene Persönlichkeit zu entwickeln. Stattdessen ist sie gerammelt voll mit Pflichten: Abitur in zwei Jahren, sogenannte „workloads“ im Bachelor-Studium mit 42 Arbeitsstunden pro Woche. Heutige Identitäten müssen flexibel sein, das dritte Lebensjahrzehnt wird dominiert durch das Thema „Binden und Lösen“: Ausbildung finden und beenden, Job finden, wegziehen, neuen Freundeskreis aufbauen, Familie gründen etc.
Durch diese Optionsvielfalt ergeben sich jedoch neue Orientierungsprobleme. Erziehungsstile ändern sich: Selbständigkeit und Freiraum sind Erziehungsziele für den gesellschaftlichen Typus, der die Gesellschaft nutzen kann. Individualisierungsprozesse sind überall präsent, wichtig wird die eigene Darstellung, die eigene „performance“.

Evangelische Jugend: Spagat zwischen normativem Profil und Offenheit

Kann evangelische Jugendarbeit angesichts dieser gesellschaftlichen Herausforderungen auch zukünftig Raum und Orientierung für Heranwachsende sein? Mit dieser Frage beschäftigte sich die von Münchmeier und anderen durchgeführte Studie „Realität und Reichweite von Jugendverbandsarbeit“. Das 2006 abgeschlossene Projekt untersucht die Jugendverbandsarbeit am Beispiel der Evangelischen Jugend in Deutschland  (aej e.V.).

In einer repräsentativen Befragung mit einer Stichprobe von 2.220 Mädchen und Jungen zwischen 10 und 20 Jahren, die an Angeboten der Evangelischen Jugend teilnehmen oder teilgenommen haben, wurde die „Realität des Verbandes“ aus der Sicht der Jugendlichen untersucht. Bei dieser Studie stand  die Frage im Vordergrund, in welcher Weise junge Menschen selbst zu Akteuren der Jugendarbeit werden. Ein methodischer Perspektivwechsel, wie Richard Münchmeier erklärt. „Wir haben in unserem Projekt bewusst die subjektorientierte Perspektive eingenommen“ - eine Herangehensweise, die in der Forschung über Jugendverbände häufig vernachlässigt wird.

Es zeigte sich, dass Jugendliche über Freunde zu evangelischer Jugendarbeit kommen, die „peer group“ ist ausschlaggebend. Evangelische Jugendarbeit übernimmt dabei die Funktion einer sozialen Ressource, wo man Freunde treffen, aktiv sein und Spaß haben kann. Gemeinschaft hat einen zentralen Stellenwert. Der (ehren- oder hauptamtliche) Jugendleiter soll brauchbare Inhalte bieten, ohne diese Grundgrammatik zu zerstören. Er wird positiv wahrgenommen, wenn man von ihm etwas lernen kann und er Jugendlichen etwas zutraut, negativ, wenn er die Macht an sich reißt. Der Jugendleiter wird zum „Exempler“, man kann sich an ihm orientieren, sich reiben, sich abgrenzen.

Image evangelischer Jugendarbeit: Sozial und plural

Erstaunlich groß ist die Zahl von jungen Menschen, die über kirchliche Jugendarbeit erreicht werden, bundesweit sind es 10 Prozent. Das besondere Potenzial der evangelischen Jugendarbeit scheint dabei im Bereich des sozialen Lernens zu liegen. Nach Meinung der Jugendlichen zeichnen sich Mitglieder kirchlicher Gruppen besonders durch die Dimension „Sozialkompetenz“ aus: sie seien ehrlich, sympathisch, zuverlässig. Evangelische Kirchlichkeit und Glaubensüberzeugungen spielen für die Gruppen durchaus eine Rolle, aber, so Münchmeier, „Evangelische Jugendarbeit ist ... dennoch erstaunlich plural.“

Konsequenzen für die Weiterentwicklung

  • Evangelische Jugendarbeit ist für Kirche ein zentral wichtiger Ort, wenn Jugend erreicht werden soll (quantitativ und inhaltlich)
  • Jugendliche suchen in der lokalen Gemeinde nicht unbedingt die Amtskirche, sondern Anknüpfungspunkte für Lebenspraxis und Lebensperspektiven.
  • Nur dort, wo Kirche aneigenbare und gestaltbare Räume und Szenen für Jugendliche öffnet und zulässt, kann sie Jugendlichen Raum bieten.
  • Auch in Glaubensfragen erwarten Jugendliche den Raum zur eigenen Entscheidung und Urteilsbildung ohne Zwang.
  • Jugendarbeit in der Kirchengemeinde wird in Zukunft immer weniger in die Stufenabfolge einer „kirchlichen Normbiographie“ eingebaut sein;  bruchlose biographische Übergänge von Kindergarten über Kinder- und Jugendarbeit, den Konfirmationsunterricht, die junge Gemeinde bis zum Hineinwachsen in die Ortsgemeinde werden immer seltener. In Zukunft wird davon auszugehen sein, dass die verschiedenen kirchlichen Angebote innerhalb der biographischen Verläufe als zunächst unverbundene Orte nebeneinander stehen. 
  • Optionen: Jugendarbeit als „Überbrückungsdienst“ zwischen Kirchengemeinde und weiter von ihr entfernten Gruppen
  • Gemeinden und Kirche insgesamt müssen Jugendlichen echte Mitwirkungs- und Mitbestimmungsmöglichkeiten schaffen. Dabei sieht Münchmeier eine große Chance bei der Eigenverantwortung auch für finanzielle Mittel: sie könnte nicht nur Engagement kräftigen oder auch neu wecken, sondern würde in sich wiederum ein neues Bindeglied in dem so schwierigen wie notwendigen Kommunikationsprozess zwischen Jugend und Kirche sein.

Im Gespräch mit den Jugendlichen: Oberkirchenrat Klaus Eberl Im Gespräch mit den Jugendlichen: Oberkirchenrat Klaus Eberl

„Ich glaub schon ein bisschen, aber nicht so extrem“

Mit Lebenswelt und Spiritualität Jugendlicher beschäftigt sich Professor Astrid Dinter, Professorin für Theologie und Religionspädagogik an der Pädagogischen Hochschule Weingarten. Ob Jugendelite oder sozial benachteiligte Jugendliche: "Es besteht nur ein mäßiges Interesse an kirchlich-religiösen Vorgaben", so Dinter, denn: "Die Jugendlichen erwarten von der Kirche kein Antworten auf Fragen, die sie wirklich bewegen und vermissen eine zeitgemäße kirchliche Unterstützung ihres Lebensweges".
"Patchwork-Religion" – das  umschreibt die Spiritualität von Jugendlichen am treffendsten. Anleihen bei der Astrologie, mystische Erzählungen, all dies fließt in ihre Spiritualität und Sinnsuche ein. Gott wird häufig beschrieben als eine "höhere Macht, die das Leben beherrscht"  oder als "Gott im Herzen der Menschen, als Gotteserfahrung in der Begegnung zwischen Menschen". In beiden Fällen sind Gott und Mensch unabhängig voneinander zu denken. Oder, wie es ein Schüler in einem Unterrichtsgespräch ausdrückte: „Man muss ja nicht an 'ne bestimmte Person glauben, oder ? Ich mein', wir glauben an den Glauben, oder?“

Nowendigkeit personaler Begegnung

Dinter unterstrich., dass gerade in einer Zeit des Ausfalls familiärer religiöser Sozialisation eine fundierte religiöse Entwicklung nach wie vor die intensive personale Begegnung brauche. Insofern sei die im Impulspapier skizzierte Schwächung der Gemeinden überaus riskant, weil sie bekannte Treffpunkte seien. Das fand Widerspruch im Plenum: "Gemeinde ist nicht religionsstiftend", so ein Jugendlicher. "Jugendliche gehen dorthin, wo sie Beziehungen haben."  Die im Impulspapier ebenfalls zu findende stärkere Event-Orientierung der Kirche käme aber den Jugendlichen entgegen, so Dinter.

"Jugendarbeit sollte Heimat sein"

Landeskirchenrat Klaus Eberl, bei der Landeskirche zuständig für den Bereich Kirche  von der EKiR wagte anhand des 7. Leuchtfeuers aus dem Papier "Kirche der Freiheit" Anforderungen an eine zukunftsfähige Kirche, in der Jugendliche selbst (mit-)bestimmen können und sollen. Im siebten Leuchtfeuer geht es darum, Evangelische Bildungsarbeit als Zeugnisdienst in der Welt zu verstehen.

Eberl kritisiert dieses Kapitel als Einbahnstraße, die so formuliert nicht in der reformatorischen Tradition der Selbstfindung steht. Der Aspekt einer  "Sprachschule für die Freiheit" komme zu kurz: Wie lerne ich, mit den vielfältigen gesellschaftlichen Optionen umzugehen, mir meine eigene Meinung zu bilden und zu entscheiden? Es könne nicht darum gehen, Menschen zu "integrieren", d.h. sie so zu verändern, dass sie in einen Zusammenhang passen. Das biete ihnen keine Heimat. Stattdessen sollte Jugendarbeit Heimat sein im Sinne Ernst Blochs, ein Ort der Sehnsucht, der Hoffnung, wo ich sein darf, wie ich bin. Dazu gehöre auch das Recht darauf, Fehler zu machen. "Jeder Mensch hat das Recht, neu anzufangen", so Eberl. Bildung in der rheinischen Kirche sollte als Menschenbildung verstanden werden, Jugendliche sollten eigene Erfahrungen machen dürfen. Dabei sei sowohl gruppenorientierte Jugendarbeit in Gemeinden und Verbänden nötig als auch diakonischer Jugendarbeit, um auch benachteiligte Jugendliche zu erreichen.

Bei der Abschlussdiskussion: Akademiedirektor Dr. Vogelsang und Landesjugendpfarrer Breer (v.l.n.r.) Bei der Abschlussdiskussion: Akademiedirektor Dr. Vogelsang und Landesjugendpfarrer Breer (v.l.n.r.)

Jugendpanel: Wir sind Teil der Kirche

Unter der Moderation von Magnus Anschütz sprach rund ein Dutzend Jugendlicher zwischen 15 und 32 Jahren aus der evangelischen Jugendarbeit in Meckenheim und Essen und vom Amos-Comenius –Gymnasium in Bonn über ihre Erfahrungen und Wünsche an eine Kirche der Zukunft.
„“Wir sind Kirche, egal in welchen Strukturen“, so ein Statement. Jugendliche wollen ernst genommen werden, etwas bewegen können, eigene Räume, Verantwortlichkeiten und Finanzbudgets haben. An die Gemeinden geht der Wunsch, Jugendarbeit als Beziehungsarbeit zu verstehen, die sich  nicht in (wenigen) Stunden „erledigen“ lässt. "Der Konfirmandenunterricht hat mir nichts gebracht", so das Resümee einer frisch konfirmierten Teilnehmerin des Panels.  Die Jugendlichen wünschen sich eine engere, auch personelle  Anbindung von Konfirmandenarbeit und Jugendarbeit, damit sie nicht aus der Gemeinde rauskonfirmiert werden. Jugendliche und Erwachsene sollten ihre jeweilige Fremdheit akzeptieren, sich aufeinander einlassen und voneinander lernen.
Dabei gilt der Grundsatz für alle „Kirche ist movement, nicht Monument“, formuliert von Tobias aus dem Weigle-Haus in Essen.

"Ohne uns seht ihr alt aus"

Mike Corsa, Generalsekretär der Arbeitsgemeinschaft Evangelischer Jugend Deutschland, formulierte sieben Horizonte aus dem Papier „Kirche der Freiheit“ für die Jugendarbeit

1) Kirche der Freiheit hat Leuchtkraft für Jugendliche. Die biblische Botschaft wird erst lebendig, wenn sie sich auf die unterschiedlichen (Glaubens.)Erfahrungen von Jugendlichen einlässt und sich zusammen mit ihnen auf die Suche begibt und ihre Botschaften in heutige Bilder transformiert.
2) Kirche der Freiheit lässt zu, dass Jugendliche eigene temporäre Formen des Glaubens bildet und lebt.
3) Kirche der Freiheit weiß um die besondere Bedeutung der Jugendphase, um Verdichtung und Entgrenzung. Sie ist offen für Experimente, gibt Jugendlichen Halt und Orientierung.
4) Kirche der Freiheit ist politischer Raum, nimmt gesellschaftliche Zustände nicht passiv hin. Sie versteht sich als Dolmetscherin zwischen alt und jung.
5) Kirche der Freiheit lässt Ungerechtigkeit nicht kalt, ihr vorrangiges Ziel ist soziale Gerechtigkeit und gesellschaftliche Teilhabe, sie kämpft gegen Kinderarmut, mangelnde Schulbildung.
6) Kirche der Freiheit handelt durch loyale, kompetente Mitarbeiter, die durch eine ihrer Fachkompetenz angemessene Bezahlung motiviert sind und Vorbildfunktionen wahrnehmen können.
7) Kirche der Freiheit unterstützt Jugendliche mit ihrem vielfältigen Raumangebot zur Selbstgestaltung und Eigenverantwortlichkeit. (z.B. Jugendkirchen)


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jh/hbl / 09.02.2016



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