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Hintergrund

Der Philosoph Bernhard Waldenfels: Das Unsichtbare im Sichtbaren

Eine phänomenologische Untersuchung unserer Wahrnehmung zeigt, dass unser Kontakt mit der Welt von nicht ausleuchtbaren Geheimnissen durchzogen ist. Es gibt das Sichtbare nicht ohne das Unsichtbare.

Professor Dr. Bernhard Waldenfels bei seinem Vortrag an der Akademie. Foto: H.Blum

Professor Dr. Bernhard Waldenfels bei seinem Vortrag an der Akademie. Foto: H.Blum

Was ist Wahrnehmung? Gemeinhin sagt man, man kann das wahrnehmen, was da ist. Aber was heißt das genau? Ist Unsichtbarkeit dann einfach das, was man nicht wahrnehmen kann?  

Das Unsichtbare im Sichtbaren - auf den ersten Blick ein Paradox
Der Philosoph Professor Dr. Bernhard Waldenfels entfaltet diese Frage des Verhältnisses von Sichtbarkeit und Unsichtbarkeit, indem er auf die Verwerfungen, auf das Paradoxe der Wahrnehmung aufmerksam macht. Denn bevor man etwas wahrnimmt, muss etwas auffallen - jedoch, wie kann etwas auffallen, wenn man es nicht zuerst wahrnimmt?       

"Etwas fällt mir auf - das ist die elementarste Erfahrung, die einfachste Beschreibung des Sehens" Auf diese fundamentale Tatsache weist Waldenfels in seinem Vortrag hin. Das etwas auffällt, ist nicht Folge einer bewussten Entscheidung. Das geschieht, man selbst hat es nicht in der Hand. Ähnlich ist es mit den Gedanken: Die Gedanken beginnen mit einem "Einfall". „Mit dem Einfall beginnt das Denken, nicht mit der Hypothese oder mit Drittmitteln oder Projekten. Einfälle sind nicht drittmittelfähig, ich kann nicht garantieren, dass ich im nächsten Jahr 50 neue Einfälle habe“, so Waldenfels mit einer kleinen Spitze gegen den routinierten Wissenschaftsbetrieb.  

Waldenfels beschreibt das Sehen in dem so skizzierten Sinn als ein „Sehabenteuer“: Etwas fällt mir auf – das ist die elementarste Erfahrung und die einfachste, und ich antworte darauf. Wir entdecken dabei erst, was Sehen eigentlich ist. Es gibt so etwas wie ein „produktives Stolpern“, das verhindert, das alles im Gleichschritt bleibt. Jede Wahrnehmung ist immer zugleich auch Fremdwahrnehmung. Man sitzt nicht im übertragenen Sinne im Lehnstuhl und betrachtet die Welt. Wir sind immer schon in der Welt engagiert und dann gilt:„Die Fremderfahrung wird nur dann stark, wenn sie an etwas in mir selbst rührt.“

Erfahrung als Erfahrung von etwas Fremden weist über sich selbst hinaus - es gibt Unsichtbares im Sichtbaren selbst
Die Fremderfahrung macht deutlich, dass wir bei der Wahrnehmung nicht bei uns selbst bleiben, sondern uns auf die Welt hin ausrichten. Die Welt ist immer auch das Unbekannte, das wir nur im Vollzug entdecken. Deshalb gibt es immer Unsichtbares im Sichtbaren, so Waldenfels. Hier ist die Phänomenologie, die Albert Camus als das "Wieder-Sehen-lernen" beschrieben hat, mit den bildenden Künsten verwandt: Auch der Maler Paul Klee hat z. B. versucht, dieses sichtbare Unsichtbare in seiner Malerei zu vermitteln.„Das, was sich zeigt, ist immer zugleich mehr und anderes. Die Erfahrung weist über sich selbst hinaus", so Waldenfels.

Die Ausführungen von Waldenfels zeigen, dass auch die alltägliche Wahrnehmung ganz und gar nicht trivial ist. Was die Wirklichkeit ist, ist immer wieder neu zu entdecken, oder anders gesagt: Der Wirklichkeit wohnt immer auch ein Geheimnis, etwas Unentdecktes, etwas Unsichtbares inne.  

 

Der Vortrag ist im vollen Wortlaut hier als Podcast bereit gestellt.

 

Kopfhörer Audio-Datei

Professor Dr. Bernhard Waldenfels/ hbl / 14.05.2014


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