Logo EKiR

Mensch

Tiergestützte Pädagogik: Wie Tiere Wege des Vertrauens bahnen

Was können wir von den Tieren lernen? Um diese Frage ging es 2013 auf einer Tagung. Die Öffentlichkeitsbeauftragte Hella Blum sprach vor der Tagung mit Hans Scholten, Leiter des Jugendhilfezentrums Raphaelshaus in Dormagen und Referent bei der Tagung.

Bison, Höhle von Altamira. Wikimedia Commons. Foto: Museo de Altamira y D. Rodríguez. CC BY-SA 3.0

Bison, Höhle von Altamira. Wikimedia Commons. Foto: Museo de Altamira y D. Rodríguez. CC BY-SA 3.0

Hella Blum (HB): Herr Scholten, Sie leiten das Jugendhilfezentrum „Raphaelshaus“ in Dormagen. Ihre Einrichtung  betreut aktuell über 200 Kinder und Jugendliche, stationär, teilstationär oder auch ambulant. Seit über 20 Jahren arbeiten Sie dabei  auch mit der tiergestützten Pädagogik. Können Sie uns kurz beschreiben, was man genau darunter versteht?

Hans Scholten (HS): Unter tiergestützter Pädagogik versteht man die gezielte, pädagogische Arbeit mit Kindern und Jugendlichen, bei denen dem eigens ausgebildeten Tier die Rolle eines Co-Pädagogen zukommt. Unter Anleitung von speziell geschulten Fachleuten bringen die Tiere ihre ureigene Wesensart, ihre Eigenschaften und ihre Ausstrahlung in die pädagogische Arbeit mit ein.

HB: Mit welchen Tieren arbeiten Sie im Raphaelshaus?

HS: Wir arbeiten insbesondere mit Pferden, aber auch mit Lamas, Kamelen, Esel, Muli und Pony. In den letzten Jahren sind zunehmend Hunde in dieser Arbeit eingesetzt worden.

HB: Gibt es unter den Tieren eine „Aufgabenteilung“?

HS: Die Vielfalt der Tierarten wird nicht durch den Ehrgeiz bestimmt einen kleinen Zoo zu haben!  
Jeder Art hat ihre Eigenarten, ihre besondere Stärke und Ausstrahlung, die sie in die Arbeit mit Kindern und Jugendlichen einbringt. Der gezielte Einsatz der tiertypischen Eigenschaften hat unterschiedliche Wirkungen und Effekte bei den Mädchen und Jungen zur Folge. Wir wollen diese verschiedenen Art typischen Einsatzmöglichkeiten in unserem Seminar zum Teil in humorvoller Art und Weise vorstellen.

HB: Unsere Akademietagung, bei der Sie gemeinsam mit Ihrer Frau als Referenten mitwirken, stellt die Frage: „Was können wir von den Tieren lernen?“ Ich möchte die Frage konkret auf Ihre Arbeit beziehen: Was können die Kinder in Ihrer Einrichtung von den Tieren lernen? Wo liegt die große Stärke der Beziehung zwischen Kind oder Jugendlichem und den Tieren bei Ihnen im Haus?

HS: Das Spektrum von Lernmöglichkeiten unter Zuhilfenahme der tiergestützten Pädagogik ist sehr weit gefächert. Es beginnt mit den kleinen handwerklichen Fähigkeiten im Bereich der Tierpflege und den Arbeiten im Stall.

Es geht weiter mit der Verantwortungsübernahme für die uns anvertraute Kreatur, für die Mitgeschöpfe, die unserer Obhut anvertraut sind.

Vorrangige Ziele ist aber die Heilung von durch Menschen verletzten Kinderseelen durch die Neutralität und unbedingte Annahme, zu denen das Tier gegenüber den Mädchen oder dem Jungen fähig sind.
Die Welt von einem Pferderücken aus zu betrachten ist für eine in ihrer Psyche gekrümmte Persönlichkeit eines verletzten Kindes ein Perspektivenwechsel, der stolz macht.
Ein Tier mit einem Gewicht von 500-700 Kilo zu dirigieren, stärkt mit der zunehmenden Kompetenz das Selbstwertgefühl.
Tiere sind „unverdächtig zärtlich“, lesen keine Akten und sind unvoreingenommen. Ihre Kommunikation ist echt und authentisch – insofern ehrlich!

Blickkontakt: Marie-Theres Scholten mit einem ihrer pädagogischen Assistenten, einem Kamel . Foto: privat

Blickkontakt: Marie-Theres Scholten mit einem ihrer pädagogischen Assistenten, einem Kamel . Foto: privat

HB: Können Sie uns ein Beispiel für einen solchen Perspektivwechsel nennen?

HS: Erstmalig kam X, ein 14-jähriger Junge aus einer Tagesgruppe, mit den Tieren des Raphaelshauses im Ferienlager in Kontakt. Das Angebot war eine kleine Wanderung durch den Schwarzwald mit zwei Kamelen und drei Lamas mit der Möglichkeit für die Jugendlichen, die Tiere zu führen bzw. zu reiten.
Mit distanzierter Mimik kam X an. Er wurde nicht müde klar zu stellen, dass es sich bei diesem Angebot um ein sehr „uncooles“ Unterfangen handele und er bedeutend lieber zu Hause noch im Bett liegen bzw. gleich nach dem Aufstehen mit seiner Playstation den Tag verbringen würde. Ein Lama zu führen oder gar ein Kamel lehnte er ab. Die Labradorhündin an der Leine zu führen, war dann das Äußerste seiner Hinwendung zum Angebot auf dem Hinweg.
Neugierig beobachtete er die Beziehungen der anderen Jugendlichen mit den Tieren während des Führens, und auf dem Rückweg war er bereit, ein Lama „an die Leine zu nehmen“. Verstohlen näherte er sich dem Tier an. Wohl wissend, dass es kopfscheu ist und keine Berührung an den Beinen mag, kraulte er vorsichtig und behutsam den Hals. Beim Führen unterwegs entspannte sich sein Gesicht, neben Blickkontakt nahm er auch Wortkontakt mit dem Tier auf und schließlich „erwischte“ man den coolen Jugendlichen beim gelösten Schmusen mit dem Lama.
Die Wanderung dauerte ungefähr 3,5 Stunden. In dieser Zeit taute der in seine Coolness verstrickte Blockierer auf und wurde zum gelösten, aufmerksamen und auf Dialog bezogenen Tierführer.  

HB: Gibt es Kinder, die mit den Tieren gar nicht vertraut werden oder den Umgang mit ihnen ablehnen?

HS: Viele Kinder, die zu uns kommen, waren vorher kaum oder gar nicht mit Tieren in Kontakt. In der Regel sind sie neugierig aber oft auch ängstlich, je größer das Tier ist. Diese Ängstlichkeit, kann in der Regel durch behutsame gelenkte Annäherung schnell beseitigt werden. Selbst bei Kindern mit ausgeprägten Tierängsten, z.B. Hundephobien, ist es uns meistens gelungen, diese geduldig und schrittweise zu reduzieren oder gar zu beseitigen.

HB: Sind die Kinder für die Pflege der Tiere zuständig?

HS: Die Grundpflege, Schulung und Betreuung unserer Tiere liegt bei ausgebildetem Fachpersonal. Die Kinder und Jugendlichen sind je nach gewachsener Vertrautheit in die Pflege und in die Stallarbeiten altersadäquat eingebunden.

HB: Zur Tagung kommen Sie mit Ihrem Hund Birso. Ist er auch ein Mitarbeiter von Ihnen und wird er daher auf der Tagung sozusagen Co-Referent sein? Oder ist er einfach ein Familienmitglied?

HS: Sowohl als auch! Birso ist der Hund meiner Frau Marie-Theres, die ihn aus einem tierquälerischen Zustand in Kroatien befreit hat. Er dankt es ihr mit einer unbedingten Liebe und Treue. In diese Zuneigung ist seine motivierte Lernbereitschaft für die Arbeit mit Kinder und Jugendlichen einbezogen. Birso ist ein geborener Therapiehund und talentierter Zirkuskünstler.

HB: Wenn Sie nicht nur auf Ihre beruflichen, sondern auch persönlichen Erfahrungen mit Tieren blicken: Wo waren Ihnen Tiere ein besonders guter Lehrmeister? Was hat Sie persönlich am stärksten beeindruckt?   

HS: In meiner Familie gibt es keine tierlose Zeit. Würde ich heute eine Einrichtung ohne Tiere übernehmen, wäre mein erstes Handeln der Aufbau der tiergestützten Pädagogik. Insofern haben Tiere mein familiäres, privates und dienstliches Leben immer außerordentlich bereichert. Von jedem Tier, dem ich mich mit Geduld und Kontinuität gewidmet habe, habe ich viel gelernt.

Das größte Aha-Erlebnis neben der tiefen Freundschaft zu einzelnen Tierpersönlichkeiten, war das Erleben, wie intensiv unsere Kameldamen Stressfaktoren, Reizbarkeit und völlige Überarbeitung von einem durch Überlastung fast zerfetzten Menschen absaugen können. Dieses Erlebnis hatte ich auf einer Wanderung mit Kamelen im Taunus. Der Zeitraum von stressbedingter Überlastung zu sich einem sich breitmachenden Gefühl der Ruhe betrug nur wenige Stunden. Auf Fahrradtouren benötige ich in der Regel mindestens zwei Tage für den gleichen Effekt.

Hans Scholten/ hbl / 01.08.2013


Logo Akademie
Studienleitung

Twitter

Twitter aktivieren

Hier Twitter-Dienste aktivieren

Menschenbilder, Weltbilder, Gottesbilder: Diskutieren Sie mit! Theologie & Naturwissenschaften Termine

RSS Feeds