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Mensch

Biologin: Synthetische Biologie wirft neue Fragen zu „Leben“ auf

„Politik muss auch sicherheitspolitische Fragen bedenken“

Bonn (epd). Die Biologin Margret Engelhard sieht durch die sogenannte synthetische Biologie mit ihrer rasant fortschreitenden Entwicklung neue ethische Fragestellungen auf Gesellschaft und Wissenschaft zukommen. Die synthetische Biologie bewege sich mit schnellen Schritten darauf zu, neues Leben im Reagenzglas zu kreieren, sagte die Projektkoordinatorin „Synthetische Biologie“ der Europäischen Akademie der Wissenschaften am Samstagabend in Bonn. Dementsprechend habe die Art und Weise,wie neugeschaffene Organismen konzeptionalisiert würden, auch einen Einfluss darauf, wie Leben generell verstanden und bewertet werde.

Auf einer Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland verwies die Biologin darauf, dass etwa von Wissenschaftlern selbst verwendete Formulierungen und Metaphern wie „lebende Maschinen“ oder „künstliche Zellen“ die Grenzen zwischen Lebendigem und nicht Lebendigem verwischten. Verglichen mit anderen Technologien habe allerdings die ethische Begleitforschung zur synthetischen Biologie sehr früh eingesetzt.Viele Fragestellungen zeigten Parallelen zu ethischen und moraltheologischen Diskursen etwa überGentechnik, Nanotechnologie oder Neuroprothetik. Sie drehten sich darum, ob es sich bei der synthetischen Biologie um einen unzulässigen Eingriff in die Natur handele und ob der Mensch gesundheitlichen Schaden nehmen könne.

Würden bei der Gentechnik typischerweise einzelne Gene oder kleine encluster verändert, so könnten bei der synthetischen Biologie vollständig neue Synthesewege bis hin zu neuen Organismen konstruiert werden, erläuterte Engelhard. DieAuswirkungen von synthetischen Genen oder künstlichen genetischen Alphabeten auf die natürliche Umwelt seien noch unerforscht, betonte sie. Politik und Wissenschaft müssten sich daher neben ethischen auch mit sicherheitspolitischen Aspekten befassen. Denn neben ungewollten Risiken, etwa der Freisetzung synthetisch hergestellter Organismen durch einen Unfall, gehe es auch um gezielten Missbrauch der Technologie.

Ein zu erwägendes Moratorium könne zwar eine gewollte künstliche Freisetzung von künstlich hergestellten Organismen verhindern. Aber bereits jetzt gebe es eine kleine Bewegung, die „Garagenbiologie“, deren Experimente oder „Biohacken“ vollkommen losgelöst vom akademischen Umfeld und den Selbstkontrollmechanismen der Wissenschaft stattfinden, mahnte die Wissenschaftlerin. Da es in der synthetischen Biologie vor allem um die Vereinfachung von Arbeitsabläufen und Konstruktion und Kombination von „Fertigbausteinen“ gehe, könnten verbrecherische Staaten, terroristische Organisationen oder Einzelpersonen durch die „Do-it-yourself-Biologie“ einfacheren Zugang haben und die Technologie für ihre Zwecke missbrauchen.

Das Stichwort: Synthetische Biologie

Bonn(epd). Die synthetische Biologie ist ein junger Forschungszweig der modernen Biologie, der sich seit knapp zehnJahren dynamisch entwickelt und sich mit der maßgeschneiderten Konstruktion von Lebewesen beschäftigt. Die Forschungsziele sind vielfältig und reichen von grundlegenden Fragestellungen wie der Erschaffung von neuem Leben im Reagenzglas bis hin zu rein angewandten, marktrelevanten Forschungszielen. Dazu gehören die Entwicklung neuer und zugleich billiger Arzneimittel, klimagünstiger „Biokraftstoffe“ und neuer Methoden für die Herstellung von hochwertigen Chemikalien in der„Postpetroleum-Ära“,wie die Biologin MargretEngelhard auf einer Tagung der Evangelischen Akademie im Rheinland erläuterte.

Während die klassische Gentechnik einzelne Gene von einem Organismus in den anderen überträgt, arbeitet die synthetischeBiologie auf einer grundlegen-deren Ebene. Es geht darum, biologische Systeme neu zu entwickeln und zu konstruieren. Biologische Bauteile, Bauteilgruppen und Lebewesen werden neu entwickelt und existierende natürliche biologische Systeme überarbeitet. Erste Versuche, das genetische Alphabet zu erweitern und neue Nukleinsäuren zu konstruieren, seien bereits erfolgreich gewesen, sagt Engelhard.

Die synthetische Biologie arbeitet, stärker als die Gentechnik, mit den Ingenieurswissenschaften zusammen. Die interdisziplinäre Zusammenarbeit zwischen Ingenieuren, Informatikern und Biologen ist charakteristisch fürdie synthetische Biologie und zeigt sich auch an dem technischen Prinzip der Modularisierung. Es wird daran gearbeitet, Organismen auf standardisierte Bauteile zu reduzieren, um so bei der Entwicklung neuer Organismen einzelne Bausteine einfach und beliebig kombinieren zu können.

Quelle: Evangelischer Pressedienst West, 12.12.2001

Abdruck mit freundlicher Genehmigung des epd

epd / 21.12.2011


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