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Thesen zur Evolutionstheorie

Eine öffentliche Diskussion zwischen dem Biologen Professor Dr. Andreas Beyer und dem Theologen Dr. Frank Vogelsang au einer Tagung im Jahre 2009.

Foto: www.fotolia.de

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2009 fand an der Akademie die Tagung „Über Darwin hinaus?! Die unabgeschlossene Geschichte des naturwissenschaftlichen Fortschritts“ statt. Sie war eine Kooperation mit der „European Society for the Study of Science And Theology“, dem Evangelischen Studienwerk e.V. Villigst und der Forschungsstätte der Evangelischen Studiengemeinschaft (FEST) e.V.

Die Vorträge beschäftigten sich insbesondere mit der Frage, wie die Evolutionstheorie verstanden werden kann. Während der Tagung entstand ein Disput zwischen Professor Dr. Andreas Beyer und Dr. Frank Vogelsang, darüber, ob die Evolutionstheorie allein mit analytisch-biologischen Methoden operiere oder ob sie andere Erkenntnisquellen hinzunehme. Im Zentrum des Disputs steht das Problem, ob der Ausdruck „Kampf ums Überleben (Struggle for existence)“ biologisch analytisch abgeleitet werden kann und welche Rolle er in der Evolutionstheorie spielt. Zum Nachlesen sind Thesen und Repliken hier eingestellt.

 

 

Dr. Frank Vogelsang
Thesen zur Evolutionstheorie

Prof. Dr. Andreas Beyer
Repliken zu den Thesen zur Evolutionstheorie

These 1
Die Evolutionstheorie ist eine empirisch gut gesicherte Theorie. Die Evolutionstheorie [im Folgenden: ET] ist als Rahmentheorie in der Lage, die Ergebnisse sehr verschiedener Wissenschaftsbereiche zu integrieren. Diese Integrationsleistung beruht aber nicht allein auf empirischen Tatsachen, sondern auch auf der Fähigkeit, andere Erkenntnisquellen hinzu zu nehmen.

Replik zu These 1
Grundsätzlich ist dem zuzustimmen, in Bezug auf „andere Erkenntnisquellen“ ist jedoch nachzufragen: Was sollen dies denn für Quellen sein? Richtig ist, dass Evolution ein komplexes Geschehen ist, das dementsprechend auf vielen und auch verschiedenen Ebenen empirisch zu untersuchen und theoretisch zu beschreiben ist. Daher greift die ET auf unterschiedliche Techniken und Theorien zurück, angefangen über Methoden und Erkenntnisse der Geologie und Geophysik über molekulare Biologie und Bioinformatik bis zur klassischen Anatomie. Unzutreffend ist, dass es sich hierbei „nicht allein um Empirie“ handele: Die ET ist eine empirische Theorie wie jede andere auch, welche ausschließlich an Beobachtungsdaten zu messen ist. Der Begriff „empirische Tatsache“ wäre im Übrigen ebenfalls noch zu hinterfragen (bzw. begrifflich exakter zu fassen und zu definieren).

These 2
Die moderne Biologie ist als empirische und analytische Wissenschaft auf die Auswertung von Erfahrungen angewiesen. Sie beschreibt nicht nur identifizierbare Teilprozesse der Organismen (Zellbiologie, Molekularbiologie), sondern sie beschreibt in der Botanik und der Zoologie die Systematik der unterschiedlichen Arten, in der Ökologie die Wechselbeziehungen der Organismen zueinander.

Replik zu These 2
… was eine sehr wichtige Komponente der ET ist.

These 3
Die Evolutionstheorie erhebt einen umfassenden Anspruch auf die Deutung der Entwicklung des Lebens. Diese umfassende Bedeutung ist von einem ihrer wichtigsten Forscher, Theodosius Dobzhansky, so zum Ausdruck gebracht worden: „Nichts in der Biologie hat einen Sinn, außer im Licht der Evolution.“ Diese Erkenntnisleistung kann sie erbringen, weil sie sich nicht nur auf die Perspektive eines distanzierten Beobachters einlässt, sondern auch die Beteiligung des Beobachters/der Beobachterin am Leben berücksichtigt.

Replik zu These 3
Teil 1 der These ist zuzustimmen, Teil 2 nicht: Warum sollte man über Leben und Evolution nur dann sinnvoll berichten können, wenn man selber lebt bzw. daran Teil hat? Die ET ist eine empirische Theorie, genauso aufgebaut und derselben Logik folgend wie jede andere empirische Theorie auch. Ein fiktives Maschinenwesen oder ein „Marsmensch“ käme mit den Regeln empirischer Wissenschaft und Methodologie zu denselben Ergebnissen wie wir. Richtig ist der 2. Teil der These nur insofern, als dass man logischerweise leben muss, um Wissenschaft betreiben zu können – was niemanden ernstlich aufregt.

These 4
Die Evolutionstheorie war von Beginn an eine „Dachtheorie“, die die Ergebnisse unterschiedlicher wissenschaftlicher Gebiete zusammen geführt hat: Paläoontologie, Geologie, Zoologie, Botanik. Darwin griff auch auf die Erfahrungen von Züchtern zurück. Die Größe und Genialität des Entwurfs Darwins bestand darin, die unterschiedlichen Erkenntnisquellen mit wenigen Hauptgedanken zu einer schlüssigen Theorie zusammen zu führen.

Replik zu These 4
Das ist richtig. Ebenso wie „die Mechanik“ eine „Dachtheorie“ ist, unter der sich Gasgesetze, die Theorie der Fluiddynamik, der Statik usw. versammeln. Grundtheorien – wenn man sie denn so nennen will – beschreiben „simple“ – grundlegende – Zusammenhänge und bleiben daher methodisch begrenzt. Je komplexer die Systeme, um so mehr Teiltheorien braucht man zur umfassenden Beschreibung. Die Selektionstheorie beschreibt die Wechselwirkung aus Mutation und Selektion im Rahmen populationsgenetischer Dynamik, die Deszendenztheorie beschreibt und erfasst die konkreten Abstammungslinien, die neutrale Theorie thematisiert das „Schicksal“ selektionsneutraler Mutationen usw. usf.

These 5
Die Integrationsleistung der Evolutionstheorie basiert auch auf der Nutzung von Metaphern, die nicht empirisch abgesichert werden können. In ihnen kommen die nichtempirischen Erkenntnisquellen zum Ausdruck. Im Mittelpunkt steht die Metapher des Überlebenskampfes (struggle for existence) und die korrespondierende des Überlebenswillens. Diese Metapher ist für die Theorie wichtig, da ohne sie nur eine Reihung von Zustandsbeschreibungen möglich wäre (eine Art kommt, eine Art geht), aber keine Beschreibung einer zusammenhängenden Geschehens. Erst die Vorstellung eines Kampfes um knappe Ressourcen und die zugehörige hypothetische Annahme eines Überlebenswillens macht die Prozesse der Anpassung, der Verdrängung und so weiter als einen zusammenhängenden Prozess beschreibbar und hilft, die Entwicklung des Lebens in eine Erzählung zu integrieren.

Replik zu These 5
Hier ist eindeutig zu widersprechen, denn es werden 2 Ebenen vermischt: 1. die Frage, woher einige in der ET verwendeten Begriffe stammen (und welche Konnotationen sie in der Umgangssprache tragen) sowie 2. die Frage nach ihrer Bedeutung als Fachbegriffe im Kontext der ET, das muss strikt getrennt werden. Ein Meerschweinchen grunzt nicht, eine mathematische Funktion funktioniert nicht. Beide Begriffe sind Fachtermini, die eine bestimmte Bedeutung tragen; die Frage, welche psychologischen Ursachen hinter der ursprünglichen Begriffswahl stecken, sind vielleicht wissenschaftshistorisch und –psychologisch interessant, erkenntnis- und wissenschaftstheoretisch hingegen vollkommen belanglos. Mit „struggel for existence“ ist es dasselbe: Als Fachterminus beschreibt er folgenden Zusammenhang: „(1.) Überproduktion an Nachkommen bei limitierten Ressourcen sorgen für Konkurrenz (was ebenso wenig mit menschlichen Attitüden zu tun hat wie die Konkurrenz zwischen Kristallisationskeimen und Material in einer Lösung). (2.) Die Rückkopplung Genotyp ↔ Phänotyp ↔ Selektion sorgt dafür, dass sich die besser angepassten durchsetzen, d.h. relativ mehr Nachkommen hinterlassen (= survival of the fittest, ein weiterer Fachbegriff).“. Daher ist „struggle for existence“ (wie auch die anderen, in diesem Zusammenhang gebrauchten Fachtermini) selbstverständlich eine Kausalbeschreibung, die seit Jahrzehnten auch mathematisch gut verstanden und formuliert ist. „Überlebenswille“ ist ein äußerst missverständlicher Begriff; in fachlichen Diskussionen wird er (selten, sofern überhaupt) zur Benennung derjenigen angeborenen Verhaltensweisen genutzt, die adaptiven Wert im Sinne des Überlebens / der Weitergabe der eigenen Gene haben. Weil dies jedoch nichts mit „Willen im menschlichen Sinne“ zu tun hat, wird der Begriff vermieden und ist auch kein Fachterminus. In der öffentlichen Diskussion geht dies leider immer wieder durcheinander, wenn nämlich jeder Qualle, jedem Einzeller, jeder Pflanze ein solcher „Wille“ unterstellt wird.

These 6
In der analytischen Betrachtung des Lebens kann ein solcher Überlebenskampf und auch ein Überlebenswille von Lebewesen nicht identifiziert werden. Jede Bewegung eines Lebewesens, jede Regung ist kausal verursacht. Eine auf die Zukunft ausgerichtete Größe, die sich auf zukünftige Ziele ausrichtet, ist nicht nachweisbar. In der analytisch-kausalen Beschreibung unterscheidet sich das Lebewesen nicht grundlegend von mechanischen Prozessen oder Artefakten (etwa Robotern).

Replik zu These 6
Hier ist zu differenzieren: Der „struggel for life“ ist sehr wohl zu identifizieren, zu beschreiben und mathematisch fassbar – i.S. des oben skizzierten Fachbegriffs und nur darum geht es in der ET. Es geht nicht darum, welche Konnotationen andere Menschen mit biologischen Fachtermini verbinden. Vom „Überlebenswillen“ sollte man in einer (evolutions-) biologischen Diskussion erst gar nicht sprechen, weil der Begriff kein sauber definierter terminus technicus ist, er wird in der populären Diskussion auf unsachgemäße Weise in die ET hineinprojiziert (s. Replik zu These 5). Kritisch bleibt anzumerken, dass insbesondere in der Frühzeit der ET – vor 100 Jahren – solche und ähnliche Worte auch von Evolutionsvertretern benutzt wurden, wenn sie sich z.B. über ihre Ideen bezüglich der „Überlegenheit europäischer Kultur uns Rasse“ äußerten. Allerdings sollten wir heute in der Lage sein, in der Rückschau deren wissenschaftliche Leistungen von den weltanschaulichen Komponenten zu trennen und zu differenzieren.

These 7
Die hypothetische Annahme eines Überlebenswillens ist aber nicht willkürlich oder spekulativ. Sie ist wohlbegründet, jedoch nicht durch analytische Auswertung empirischer Befunde, sondern deshalb, weil wir, die wir die Lebensformen beobachten, selbst am Leben Teil haben. Wir erkennen an uns selbst, dass das Leben danach strebt, überleben zu wollen.

Replik zu These 7
Das ist unzutreffend, denn die ET ist eine rein empirische Theorie. Die Tatsache, dass Forscher ebenfalls biologische Entitäten sind, hat genau dieselben Einflüsse wie die Tatsache, dass sie chemische Entitäten sind oder Teil dieses Universums. Und es ist nochmals zu betonen, dass der Disput um „Überlebenswillen“ ein Streit um Windmühlen ist: Der Begriff ist kein Bestandteil der ET, sondern eine Popularisierung.

These 8
Es kommt also an dieser Stelle eine weitere Erkenntnisquelle hinzu, die nicht in der Weise empirisch abgesichert werden kann, wie das bei den anderen Quellen (Zoologie, Knochenfunde, Genetik, etc.) der Fall ist. Weil wir, die wir Lebensformen betrachten, selbst am Leben partizipieren, können wir uns nicht in der Weise von dem zu Beobachtenden trennen, wie es für eine wissenschaftlich-analytische Beobachtung notwendig wäre.

Replik zu These 8
… so wie der Chemiker selbst aus chemischen Stoffen besteht, der Historiker selber am historischen Prozess Teil nimmt, der Linguist selber spricht, die Physiologie des Physiologen und des Physikers selbst auf physiologischen und physikalischen Prozessen beruht. Dieses Argument hier lautet „der Beobachter ist Teil des Ganzen, daher ist eine Trennung nicht möglich“ (was an sich trivial ist), daraus wird aber gefolgert, dass dieses Faktum Erkenntnis-begrenzend sei und eine „wissenschaftlich-analytische Beobachtung“ verhindere. Das aber ist ein reiner Analogieschluss und darüber hinaus ein Zirkelschluss, der die Methodologie der empirischen Forschung (und somit der ET) verkennt.

These 9
Die Vorstellung, dass alle Lebensformen auf Überleben aus sind, und um das Überleben kämpfen, hat einen großen hermeneutischen, Erkenntnis leitenden Wert. Sie beeinflusst nicht die Einzelerkenntnisse, stellt sie aber in einen größeren Zusammenhang und hilft, sie zu deuten.

Replik zu These 9
„auf Überleben aus“, „um das Überleben kämpfen“, sind – so, wie sie hier verwendet werden – dem Wortinhalt nach popularisiert und daher für eine wissenschaftliche Diskussion nicht tauglich. In Gegenteil: Sie verschleiern den Blick auf die Evolution, weil sie teleologische Ursachen unterstellen und Metaphern nutzen, die kontraproduktiv sind. Die ET funktioniert gerade eben ohne Willen, ohne Absicht, ohne Anthropomorphismen.

zur Person der beiden Diskutanten:

Professor Andreas Beyer

Prof. Dr. rer. nat (Biologie), FH Gelsenkirchen, FB 12 Recklinghausen.
Arbeitsschwerpunkte: Genomics, Biogenese, Evolution.
Publikationen in Auswahl:
Beyer A (2007) "Was ist Wahrheit? Oder wie die Kreationisten Fakten wahrnehmen und wiedergeben", in Kutschera, U. "Kreationismus in Deutschland. Fakten und Analysen", Lit-Verlag, Münster.

Dr. Frank Vogelsang

Dr. theol., Dipl.-Ing. Direktor der Evangelischen Akademie im Rheinland.
Arbeitsschwerpunkte: Dialog zwischen Naturwissenchaft und Theologie, Bioethik, Neuroethik.
Publikationen in Auswahl (hg. mit Dr. Christian Hoppe) "Ohne Hirn ist alles nichts" 2008.

 

hbl / 06.01.2010


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