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Welt

Die Evolutionstheorie und die Lehre von der Schöpfung - ein unüberbrückbarer Gegensatz?

Anfang Juli 2007 plädierte die hessische Kultusministerin Karin Wolff (CDU) vor dem hessischen Landtag dafür, neben der Evolutionstheorie auch die Schöpfungsvorstellungen der Bibel im Biologieunterricht ins Gespräch zu bringen. Aussagen wie diese befeuern immer wieder die Diskussion. Hier sind Thesen einer interdisziplinären Diskussion zu dem Thema dokumentiert.  

"I think" - Darwins erste Notiz zum Stammbaum der Arten. Abb.: Wikimedia Commons

"I think" - Darwins erste Notiz zum Stammbaum der Arten. Abb.: Wikimedia Commons

Die Weltsicht eines jeden denkenden Menschen der westlichen Welt sei nach 1859, dem Erscheinungsjahr von Charles Darwins Untersuchung „Über die Entstehung der Arten“ notwendigerweise eine ganz andere gewesen als zuvor, konstatierte 1994 der Evolutionsbiologe Ernst Mayr. Doch auch heute gibt die Evolutionstheorie weiter Anlass zu Fragen und zur Diskussion, denn die Biologie stößt dabei auch an Erkenntnisgrenzen.

Die Evangelische Akademie hat sich dem Thema in der Tagung. „Evolution oder Schöpfung – ein unüberbrückbarer Gegensatz?“ gewidmet. Dazu hatte sie gemeinsam mit dem  Zoologischen Forschungsmuseum Alexander Koenig, einem Mitglied der Leibniz-Gemeinschaft, eingeladen. Der Einladung folgten mehr als 220 Interessierte.

An diesem Abend nahmen der  Biologe Prof. Dr. Klaus Peter Sauer von der Universität Bonn und der Theologe Prof. Dr. Christian Link von der Universität Bochum Stellung dazu.

In ihren Vorträgen und in der anschließenden Plenumsdiskussion machten sie deutlich, dass es  keine letzte Wahrheit gibt. Die wissenschaftliche Argumentation sowohl der Naturwissenschaften als auch der Theologie ist ein offener, selbstkritischer Suchprozess. Das Ergebnis der Wissenschaft ist die Verständigung über die Grundlagen ihrer Aussagen und – im Fall der Naturwissenschaften – der Versuch, daraus erfahrungsbezogene Hypothesen abzuleiten. Jede Wissenschaft kann dabei nur einen Teil der umfassenden Wirklichkeit unter der ihr eigenen Perspektive erfassen. Das gilt für die Theologie ebenso wie für die Evolutionsbiologie. Es gibt keine Theorie, die es vermag, das große Ganze der Wirklichkeit widerspruchsfrei und vollständig zu beschreiben.

 Im Vorfeld hatten Sauer und Link die folgenden Thesen für die Podiumsdiskussion abgefasst :

Blick in den Hörsaal bei der gemeinsamen Abendveranstaltung von Akademie und Museum Koenig

Blick in den Hörsaal bei der gemeinsamen Abendveranstaltung von Akademie und Museum Koenig

Aus den Referaten:

Den alleinigen Erklärungsrahmen der Naturwissenschaften legte der Evolutionsbiologe Professor Dr. Klaus Peter Sauer einen Ausführungen zugrunde. „Das Ziel der Wissenschaft ist Erkenntnis. ‚Erkenntnis’ bedeutet zuverlässiges, gesichertes Wissen über die Welt; Wissen, das präzise Erklärungen und Prognosen erlaubt; Wissen, das sich beim Umgang mit der Welt bewährt; Wissen, auf das ich mich bei der Lösung von Problemen verlassen kann“, so Sauer.

Dabei werde die inhaltliche „Wahrheit“ einer Aussage an der Übereinstimmung mit der Empirie gemessen. Diese Übereinstimmung sei nicht leicht zu belegen. Es gebe keine Basissätze, die frei von theoretischen Überzeugungen sind. In der Wissenschaft haben sich daher Theorien, die „Sichtweise“ der Dinge, die Begrifflichkeit, die Sprache, die Art der Fragestellung, also das umfassende Konzept, das Paradigma, immer wieder geändert. Daher habe sich auch die „Evolutionstheorie“ nur sehr langsam entwickelt, so Sauer. Dies habe allerdings auch nicht nur in der Wissenschaft selbst und ihren Methoden begründete Ursachen gehabt, vielmehr sei dies auch der gesellschaftlichen Situation geschuldet gewesen:

„Es waren einerseits religiöse Glaubensgrundsätze, andererseits aber auch säkulare philosophische Denktraditionen, die ein statische, einmal mit allen sie besiedelnden Kreaturen erschaffene Welt begründeten und die eine dynamische Welt, auf der die Mannigfaltigkeit des Lebendigen sich graduell und kontinuierlich auseinander entwickelte, dagegen undenkbar machten“, so Sauer.  Dem Evolutionsdenken habe vor allem die Sonderstellung des Menschen im anthropozentrischen Weltbild der christlichen Religion im Weg gestanden. Diese Weltsicht ließ keinen natürlichen Übergang zwischen Tier und Mensch zu. Auch die auf Platon zurückgehende Philosophie des Essentialismus machte die Entdeckung der Evolution unmöglich, denn nach der Idee des Essentialismus besteht die Welt, Tier und Pflanzen, aus einer begrenzten Anzahl unveränderlicher Archetypen, die sich in veränderlichen Erscheinungen lediglich spiegeln.  

Seit  den Forschungsergebnissen von Darwin zu Artenvielfalt und natürlicher Selektion und sei die Evolution jedoch eine realhistorische Tatsache  - bis heute, so resümierte Sauer: „Darwins Konzept wurde in den zurückliegenden 147 Jahren immer wieder bestätigt. Es hat sich als resistent gegen jeden bisherigen Fortschritt erwiesen, gleichgültig, in welchem Teilgebiet der Biologie dieser Wissenschaftliche Fortschritt erzielt wurde. Darwin hatte recht gesehen:“ Mit dieser Feststellung schloss Sauer seinen Vortrag und die Würdigung von Darwin ab, dessen Todestag sich nur einen Tag vor der Veranstaltung im Museum Koenig, am 19. April 2007, zum 125. Male gejährt hatte.

Dass Naturwissenschaft und biblische Lehre von der Schöpfung nebeneinander stehen können und beide einen Blick auf die Welt ermöglichen, unterstrich der evangelische Theologe Professor Dr. Christian Link. Bereits zu Beginn seiner Ausführungen stellte er fest:
„Eine biblische Lehre von der Schöpfung, die sich auch nur entfernt mit dem kohärenten Wissen moderner Naturerkenntnis vergleichen ließe, gibt es nicht. Von der Schöpfung wird in der Bibel erzählt. Erzählungen aber bewegen sich im Nahbereich menschlicher Erfahrung: über uns der gestirnte Himmel, neben uns Pflanzen, Tiere, hinter uns eine Zeit, deren Erstreckung wir kaum ermessen, vor uns ein Raum, den wir planend gestalten müssen. Und außer der Wirklichkeit, die wir sehen, dann die Realität des Unsichtbaren: Angst, Freude und Liebe, auch Sorgen, Leiden, Erinnerungen und Erwartungen. Mit diesen Grundbedingungen unseres Lebens hat es die Schöpfung zu tun (...) sie werden gedeutet und interpretiert, d.h. auf ihre Bedeutung für unser Dasein befragt. Das moderne Interesse, eine einfache Grundstruktur, also ein Art Bauprinzip in aller Realität freizulegen, ist den biblischen Texten fremd. Sie folgen vielmehr der Selbstentfaltung alles Lebendigen und konzentrieren sich auf die Schilderung der Relationen und Abhängigkeiten, in die dieses Leben eingebunden ist und in denen es gelingt. Darum erfährt das Thema einer Konkurrenz zwischen Bibel und Naturwissenschaft auf dieser Ebene in eine sinn- und ausweglose Sackgasse. Es sind zwei verschiedenen Perspektiven, unter denen dieselbe Welt hier und dort erscheint.“

Auch sei, so Link weiter, die Bibel ein von Menschen geschriebenes Buch und habe damit uneingeschränkt Anteil an den weltbildhaften Vorstellungen einer vergangenen Zeit. „Die Vorstellung einer sukzessiven Entwicklung der Gattungen und Arten (war) ein für die ganze Antike unvollziehbarer Gedanke, auch wir kennen ihn erst seit Giordano Bruno und Darwin“.  So war für die Menschen der Bibel „gar nichts anderes denkbar, als dass Pflanzen und Tiere sozusagen ‚auf einen Schlag’ (...) aus der Hand ihres Schöpfers hervorgegangen sind“.

Die Wissenschaften haben seither jedoch neue Erkenntnisse gebracht, die Vorstellung des modernen Menschen  von der Welt ist von diesem Wissen geprägt „... und nichts kann uns nötigen, die Bibel als physikalisches oder biologisches Lehrbuch zu lesen. Ihre Aussage liegt auf einer anderen Ebene."

„Die Schöpfung, von der die Bibel erzählt, lässt sich auf keine Weise wie ein naturhistorischen Anfang ‚verifizieren’“. Diesen Anspruch habe die Bibel auch nie erhoben. Vielmehr sei es, so Link, von Bedeutung, dass die berühmte Erzählung der Genesis erst in der Zeit der Babylonischen Gefangenschaft, also sozusagen über den Trümmern Jerusalems, aufgezeichnet worden sei.  Damit sei „Das Reden von Schöpfung und Schöpfer das Reden des bedrohten Menschen in einer bedrohten Welt, nicht die Fragen des Intellektuellen nach der prima causa des Universums. (...) Zur Debatte steht also nicht, ob die Welt so entstanden ist, wie es die Bibel ‚lehrt’, sondern ob es einen Garanten ihrer Dauer und ihres Bleibens gibt.“
      
Genau hier liege denn auch der theologische Fehler des Kreationismus und seine modernen Ablegers, der These des „intelligent design“. „In der Meinung, die „Wahrheit“ der Bibel gegen eine gottlose Aufklärung zu verteidigen, setzen sie sich über die Fragerichtung und damit über die Absicht der alten Texte hinweg. Sie verfälschen deren Pointe, indem sie historisieren, was historisch niemals gemeint war. (...) Der Urgeschichte kommt man mit der Frage: Was ist damals wirklich geschehen? überhaupt nicht bei.“ Vielmehr werde die Annahme einer schrittweisen Entwicklung der Welt, insbesondere der Gattungen und Arten alles Lebendigen, die dem Freien Handeln Gottes nicht widerspricht, ihn als Schöpfer des Universums nicht in Frage stellt, heute nahezu von allen Theologen mühelos verstanden: „Man lernt die Evolutionstheorie als das ‚Konzept einer Welt’ zu verstehen, ‚die allezeit im Werden begriffen ist’ (S. Bosshard).“

Doch Link räumte auch ein: „ wenn das biblische Reden von der Schöpfung und das Konzept der Evolution ‚grundsätzlich kompatibel’ sind, dann muss das an der schwierigsten Stelle,  der Theorie der Selbstorganisation der Welt gezeigt werden... Wer oder was ist denn das ‚Selbst’ der Selbstorganisation?

Die Überlieferungsgeschichte der Bibel, so Link, ging von einer Welttranszendenz Gottes aus, demgegenüber setzten die neueren theologischen Interpretationsversuche eine Weltimmanenz Gottes voraus. Ist Gott Innenseite der Materie, die die Evolution vorantreibt (Teilhard de Chardin)? Oder ist es  genau so wahr zu sagen, dass Gott die Welt erschafft, wie zu behaupten, dass die Welt Gott erschafft? (A.N. Whitehead)“

Hier gelte, so Link,  für die Theologie wie für jede Wissenschaft: Sie kann „nur einen Teil der umfassenden Wirklichkeit unter der ihr eigenen Perspektive erfassen. Auch ihr Nachdenken ist ein offener Suchprozess.“

 

hbl / 17.07.2007


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