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Neurowissenschaften für die Schule? Fragen an eine "Neuropädagogik"

Mehrere Tagungen der Akademie haben sich in einer interdisziplinären Diskussion mit Vorstellungen der so genannten Neuropädagogik beschäftigt.

Einfache Lernvorgänge können heute mit sogenannten bildgebenden Verfahren abgebildet werden. Aber inwieweit treffen sie die Wirklichkeit schulischer Bildungsprozesse? Wo sind die Grenzen der Aussagefähigkeit von Messvorgängen, die nur unter sehr künstlichen Bedingungen (Ruhigstellung in einem Computertomographen) gemacht werden können? Wie verhalten sich die pädagogischen Erkenntnisquellen von Selbstbeobachtung und Intuition zu den standardisierten Messverfahren?

In einer Tagung im Jahre 2011 kamen renommierte Befürworter und Kritiker der kognitiven Neurowissenschaften zu Wort.

Die Position der Neurowissenschaftler

Den Einführungsvortrag „Was man von den Neuronen lernen kann“ hielt PD Dr. Nenad Vasic. Der Mediziner arbeitet am Transfer-Zentrum für Neurowissenschaften und Lernen in Ulm, das von dem Psychiater Prof. Dr. Dr. Manfred Spitzer, einem der Protagonisten der kognitiv-neurowissenschaftliche Grundlagenforschung zu Lernprozessen, geleitet wird. Die Forschungsaktivitäten von Vasic liegen primär auf dem Gebiet der kognitiven Neurowissenschaften, insbesondere im Bereich der Erforschung höherer kognitiver Funktionen wie Gedächtnis und Emotionen, sowie anderer lernrelevanter Faktoren.

Prof. Dr. Heinz Schirp von der Universität Bielefeld, ebenfalls Befürworter einer kognitiven Neurowissenschaft, sprach über die Perspektiven der Neurodidaktik: „Was wir über das Gehirn lernen können“. Schirp war u.a. auch im Beirat der Laborschule, eine staatliche Versuchsschule in NRW, die den Auftrag hat, neue Formen des Lehrens und Lernens und des Zusammenlebens in der Schule zu entwickeln und diese Ergebnisse der Öffentlichkeit zur Verfügung zu stellen.

Kritische Rückfragen

Anfragen an eine zu weit gehende Deutung der Neurowissenschaften hat demgegenüber Dr. Nicole Becker vom Institut für Erziehungswissenschaft an der Universität Tübingen („Gehirnpädagogik oder Gehirn-Gespinst“). Becker kennt beide Wissenschaftsbereiche aus eigener beruflicher Erfahrung. Ihre 2006 erschienene Promotion „Die neurowissenschaftliche Herausforderung der Pädagogik“ gilt mittlerweile als ein Standardwerk. Sie plädiert für „Sachverstand und Diskurskompetenz“ der Pädagogik im Verhältnis zu biowissenschaftlichen Forschungsbereichen, dämpft aber einen zu großen Optimismus. Die Neurowissenschaften stellten bisher lediglich Wissen über das Lernen bereit, der Aspekt der Lehre fehle noch, so die Erziehungswissenschaftlerin.

Theologische und philosophische Perspektiven

Aus theologischer Perspektive biete die neurowissenschaftlichen Hirnforschung interessante Diskussionsfelder und Impulse für die Beschreibung der Gottesbeziehung und für die Frömmigkeitspraxis. Die Theologin Dr. Ilka Werner, Vorsitzende des Ständigen Theologischen Ausschusses der Evangelischen Kirche im Rheinland weist aber auch darauf hin, dass die Beschäftigung mit der Hirnforschung auch einen falschen Sog erzeugen kann: „Fasziniert von experimentellen Ergebnissen, fühlt man sich leicht dem Streit der Theorien und Meinungen entronnen und läuft Gefahr, das Meß- und Nachweisbare für Alles zu halten. Auch wenn die neurowissenschaftlichen Methoden zukünftig noch detaillierter werden, so werden sie in keinem Falle unsere Menschenwürde, theologisch gesagt, unsere Geschöpflichkeit, messen können. Menschenwürde ist nicht nur eine humanistische oder kulturelle Erfindung. Sie existiert wirklich. Doch wie sollte man sie messen?“

Dr. Frank Vogelsang warnte vor einer Methodenvergessenheit und forderte ein, dass sich alle Wissenschaften der Erkenntniskritik in der Tradition der Aufklärung verpflichtet fühlen sollten: „Wenn man die Grenzen des methodisch Vorgegebenen überschreitet, kommt man in den Neurowissenschaften schnell zu Aussagen über den Menschen im Allgemeinen, zu Behauptungen über das Menschenbild, die aber bei genauerem Hinsehen nicht aus den Messungen ableitbar sind.“ Unzweifelhaft lieferten die Neurowissenschaften viele neue Aufschlüsse über die Funktionsweise des Gehirns. Doch gerade im zwischenmenschlichen, kulturellen und damit auch im pädagogischen Bereich sei es schwierig, die Messdaten methodisch sauber zu interpretieren. Eine der Aufklärung verpflichtete Erkenntniskritik müsse einräumen, dass der Mensch als endliches und in diese Welt eingebundenes Wesen sich selbst nicht vollständig reflektieren könne. Daher könne jede Auswertung von Messdaten auch von anderen Quellen beeinflusst werden, etwa von der humanistischen Pädagogik.

Professor Dr. Ulrike Baumann, Dozentin am Pädagogisch-Theologischen Institut der Evangelischen Kirche im Rheinland, sah in der neurobiologischen Debatte einen Ansporn für neue anthropologische Überlegungen seitens der Erziehungswissenschaften, z.B. im Hinblick auf die Diskussion der Willensfreiheit oder im Hinblick auf den Prozess des sinnstiftenden verstehenden Lernens. Die neurowissenschaftlichen Forschungen ergänzten, aber ersetzten nicht Pädagogik und Didaktik. Man dürfe nicht dem naturalistischen Fehlschluss erliegen, „als gäbe es von der neurobiologischen Beschreibung des ‚Ist’ der Hirnfunktionen einen Durchgriff auf das, was sein soll. Der deskriptive Charakter neurowissenschaftlicher Erkenntnisse erlaubt keine Ableitung normativer Handlungsanweisungen“, hielt Professor Baumann fest. Die Neurowissenschaften verbreiterten das Wissen über das Lernen, nicht aber über die Lehre.

„Auch wenn die Neurowissenschaft die Pädagogik auf Schwierigkeiten und Chancen bei der Organisation von Lernprozessen aufmerksam machen kann, so bleibt die Erarbeitung von lernwirksamen Umgebungen, von Medien und Materialien, die Entscheidung über Lerninhalte und zu erwerbende Fähigkeiten und ihre Anordnung in sinnvollen curricularen Sequenzen doch Sache der Pädagogik selbst“, so Ulrike Baumann, die neben ihrer Dozententätigkeit selbst in der Oberstufe unterrichtet. Sie warnte vor einer zu starken Konzentration auf eine von den Neurowissenschaften beeinflussten Didaktik: „ Alle menschlichen Lernvorgänge sind tief mit unseren menschlichen Lebensbedingungen und unserer Kultur verflochten. Angesichts der Komplexität dieser Zusammenhänge kann und darf es nicht nur eine Lerntheorie – etwa eine neurodidaktische – geben, wenn es nicht zu einer Verarmung unseres Deutungspotenzials kommen soll.“


 

 

 

 

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hbl / 22.05.2011



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