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Prof. Dr. Dr. h.c. Karen Gloy: Was ist Zeit?

„Was also ist die Zeit? Wenn niemand mich danach fragt, weiß ich's, will ich's aber einem Fragenden erklären, weiß ich's nicht.“

Prof. Dr. Dr. h.c. Karen Gloy. Foto: H.Blum LupeProf. Dr. Dr. h.c. Karen Gloy. Foto: H.Blum

Mit diesem Zitat von Augustinus schloss Dr. Dr. hc. Karen Gloy, Philosophieprofessorin aus Luzern, in der vergangenen Woche ihren Einführungsvortrag auf der ESSSAT-Tagung des Jahres 2013 an der Evangelischen Akademie im Rheinland – und hatte doch zuvor sehr viel Interessantes und Beeindruckendes über ebendiesen  Zeitbegriff in unterschiedlichen Wissenschaften und Kulturen berichtet. Den Vortrag können Sie am Ende dieses Artikels als Audio-Datei und im mp3-Format zum Download abrufen.   

Gloy setzte in unserem  Alltag an: Zeitbegriff und Uhrzeit sind hier eng miteinander verbunden, wir denken die Zeit dabei linear: Vergangenheit, Gegenwart, Zukunft sind untergliedert in einzelne Zeitpunkte, die auf einer Gerade angeordnet erscheinen. Die Zeit erscheint objektiv und messbar.  

Lineare Zeitvorstellungen – ein Konzept der Neuzeit
Doch diese Zeitvorstellung, die heute unser Alltagsdenken prägt, ist längst nicht so alt, wie es uns vielleicht erscheinen mag. Sie ist ein Konzept, das erst in der anbrechenden Neuzeit und der Aufklärung entwickelt wurde.  Die Vorstellung von einer absoluten, gerichteten Zeit, einem sogenannten Zeitpfeil,  geht vor allem auf den Physiker und Naturforscher Isaac Newton (1643 – 1727) zurück. Spätestens zu Beginn des 20. Jahrhunderts musste die Physik aber diese Hypothese aufgeben: Mit den Forschungen von Albert Einstein (1879 – 1955) zur Relativitätstheorie und durch die Erkenntnisse der  Quantenphysik konnte sie nicht mehr aufrechterhalten werden. Nun gilt in der Physik: Es gibt keine einheitliche Zeit. Zeit im physikalischen Verständnis ist  nur noch messbar und bestimmbar in Bindung an das jeweilige ruhende oder in Bewegung befindliche Zeitsystem.  

Die Uhr als Taktgeber in der modernen Alltagswelt
Ungeachtet dessen prägen Linearität und Effektivität weiterhin unsere modernen Zeitvorstellungen. Die Uhr ist Taktgeber. Das führe zu einer Verselbständigung der Zeit und letztlich zu einer Entrhythmisierung unseres  Lebens, merkte Gloy kritisch an. „Bei der Quantifizierung unseres Lebens geht die Qualität unseres Lebens verloren.“ Die neuen technischen Möglichkeiten eröffnen darüber hinaus auch eine neue Multiliniarität von Zeit: Börsenergebnisse von allen Handelsplätzen weltweit aus unterschiedlichen Zeitzonen können vom Interessenten zum selben Zeitpunkt abgerufen werden. 

Subjektive Zeiterfahrungen - Zwischen geronnener Zeit und Zeiterfüllung im Augenblick
Theologie, Psychologie oder auch die Mystik kommen demgegenüber zu ganz anderen Zeitbildern. Sie knüpfen dabei an den subjektiven Erfahrungen des Einzelnen an. Zwischen geronnener, endloser Zeit und Zeiterfüllung im Augenblick ist alles möglich.  Karen Gloy verdeutlichte dies u. a. mit Hilfe von zwei berühmten literarischen Beispielen.

In Friedrich Nietzsches (1844 – 1900) Gedicht „Der geheimnisvollen Nachen“ heißt es:  „Schläfrig stiess der Kahn vom Lande./ Eine Stunde, leicht auch zwei,/Oder war’s ein Jahr?“  Hier ist die Fähigkeit zum Zeiterleben ist nicht mehr vorhanden, die Zeit ist erstarrt. Solche Erfahrungen machen z.B. Menschen, die an einer Depression erkrankt sind.  

Demgegenüber öffnet sich am Ende von Goethes Faust Lebensfülle und Erfüllung im Augenblick: „Im Vorgefühl von solchem hohen Glück / Genieß ich jetzt den höchsten Augenblick“ umschreibt er die Erfahrung des zeitlosen Jetzt, des nunc stans. Auch hierfür führte Gloy ein Alltagsbeispiel an: So knüpfen wir z.B. bei dem wohligen  Hindösen bei einer Bahnfahrt an dieses Zeitempfinden an.  

Präsentische Zeit – Leben in der Gegenwart
Auf eine weitere Erfahrung von Zeit wies Gloy hin mit dem Blick auf Kinder oder Völker, die noch nach ihrer eigenen jahrhundertelangen Tradition leben. Ihr Zeitempfinden kenne keine Vergangenheit, auch keine Zukunft, nur die präsentische Gegenwart. Dabei brachte sie eigenen Beobachtungen mit ein, denn die Wissenschaftlerin, die neben Philosophie auch Germanistik, Physik, Kunstgeschichte und Psychologie studiert hat, war mehrmals auch zu Gastaufenthalten in Ostasien, Mittel- und Südamerika. Eine Beziehung zur Vergangenheit trete, so Gloy, erst im Moment einer Staatenbildung ein, denn ein Staat bedürfe des Bezugs zu seiner Vergangenheit, zu seiner Geschichte, um sich zu legitimieren.      

Zeitkreise – Zeitbilder im Rhythmus des immer Wiederkehrenden
Wenn der von Newton eingeführte Zeitpfeil das neuzeitliche Zeitverständnis geprägt hat, welche Zeitvorstellungen haben dann die Epochen zuvor geprägt? Auch darauf ging Karen Gloy ein: Die Vorstellung vom Zeitkreis sei die älteste Zeitvorstellung der Menschheit, so die Wissenschaftlerin. Abläufe in der Natur wie z.B. Aussaat und Ernte hätten dieses zyklische Zeitverständnis geprägt, dem man in allen agrarischen Strukturen begegne.  

Zeitkreise seien Zeitformen, die sich über wiederkehrende, aus Gegensätzen gespeiste Zeitformen bestimmten, häufig angelehnt an biologische Lebensrhythmen. Der antike Philosoph Platon beschrieb diese Zeitgestalt in bis heute aktueller Weise als „das in sich bewegte Abbild des im Einen verharrenden Ewigen“, also letztlich als eine stehende Zeit.  

Dieses zyklische Zeitempfinden existiert bis heute weiter. So unterliegen z.B. selbst solche geschlossenen Systeme wie die Betriebswirtschaft oder das Marketing solchen Zyklen, sie haben ihre Eigenzeit, ihre eigene Zeitgestalt. Auch die Abläufe im menschlichen Körper sind durch Zyklen, durch Rhythmen geprägt, mit denen sich ein eigener Wissenschaftszweig, die Chronobiologie, beschäftigt. Ein reiskorngroßer Schrittmacher im Gehirn synchronisiert die mehr als 150 unterschiedlichen Rhythmen wie Pulsschlag, Atem, Verdauung – sowohl innerhalb des Organismus als auch im Wechsel mit der Außenwelt. Doch dieser eigene biologische Zeittakt, der von Mensch zu Mensch variiert, wird häufig durch moderne Arbeitsformen außer Kraft gesetzt. Die Missachtung des Biorhythmus sei verantwortlich für viele große Arbeitsunfälle wie die Atomkraftunglücke von Harrisburg oder Tschernobyl oder die Havarie der Exxon Valdez, so Gloy: „Naturgemäßer zu leben würde zur Entlastung des Menschen und seiner Gesunderhaltung beitragen“.

Zeit – kulturspezifische Verarbeitungsweisen von Welterfahrung
Zum Schluss ihres Vortrag hielt Gloy fest: Einen Oberbegriff von Zeit gibt es nicht. Es gibt präsentische, rhythmische, lineare, ja sogar moderne multinlineare Zeitbegriffe, die nebeneinander bestehen und bestehen können. Es gibt nicht den einen besten Zeitbegriff. Zeit ist auch keine anthropologische Konstante, denn Zeitgefühl ist nicht angeboren: Forschungen im Bereich der Chronobiologie haben gezeigt, dass auch vermeintlich lineare Zeit von dem Einzelnen ganz unterschiedlich erfahren wird.  

„Unsere Zeitvorstellungen unterliegen aber möglicherweise kulturspezifischen Verarbeitungsweisen von Welterfahrung“, so Karen Gloy in ihrem Resümee. Damit eröffnet sich eine neue Sichtweise auf das Phänomen Zeit - Zeitparadigmen als kulturbedingte Welterschließungsweisen.  

 

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hbl/ Prof. Dr. Dr. h.c. Karen Gloy / 23.07.2013



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