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Theologie & Naturwissenschaften

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Welt

Die Welt ist keine Kaffeetasse

Warum die Naturwissenschaften die Wirklichkeit nicht vollständig erklären können

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Der christliche Glaube ist in der Moderne deutlich in die Defensive geraten. Wie lassen sich seine Aussagen über die Wirklichkeit aufrechterhalten angesichts einer Welt, die als Universum von den Naturwissenschaften durchleuchtet ist? Wo ist jener Gott, von dem der christliche Glaube redet, wenn der Raum und seine Entwicklung seit dem Urknall einigermaßen gut beschrieben werden können? Wie können wir unser Leben als Geschenk erfahren, wenn es doch nur ein Element in der großen Kette der evolutionären Entwicklung des Lebens ist? Wie soll man den Glauben verstehen, wenn doch all seine Gewissheiten und Erfahrungen auf neuronale Aktivitäten zurückgeführt werden können?

Es gibt  heute eine unauflösbare Unsicherheit, wie weit die traditionellen religiösen Aussagen über die Welt wirklich tragen 
Wer heutzutage religiöse Aussagen über die Wirklichkeit trifft, wer dadurch mehr über die Wirklichkeit behauptet als das, was mit wissenschaftlichen Methoden nachgewiesen werden kann, der hat es schwer, seine Position zu begründen. Er oder sie kann sich nicht auf allgemein geteilte Vorstellungen, sondern nur auf seine persönliche Überzeugung berufen.

Die Haltung der überwiegenden Mehrheit der Christinnen und Christen ist daher eher vorsichtig tastend. Es bleibt eine unauflösbare Unsicherheit, wie weit die traditionell vermittelten religiösen Aussagen über die Welt tatsächlich tragen. Der Glaube an Gott wird bejaht, aber was daraus für das Verständnis der Welt folgt, bleibt offen.

Der zurückhaltende Gebrauch religiöser Aussagen für die Deutung der Wirklichkeit hat einen guten Grund: Wir haben gelernt, dass traditionelle christliche Annahmen über die Welt nicht wahr sein müssen. Diese Aussagen waren immer schon ein Mischgebilde, das sich aus unterschiedlichen Quellen speiste. Schon früh ist die Botschaft des Evangeliums mit philosophischen Deutungen und metaphysischen Behauptungen verbunden worden. Im Mittelalter ergab sich daraus sogar ein einigermaßen geschlossenes und konzises Weltbild.

Doch naturwissenschaftliche Entdeckungen haben seit Beginn der Neuzeit so manche Annahmen dieses Weltbildes widerlegt. Hierzu gehören die Vorstellung der Erde als ruhender Mittelpunkt des Kosmos, die Fundamentalunterscheidung zwischen Himmel und Erde als unterschiedliche Sphären mit unterschiedlichen Gesetzen oder die eigenständige Schöpfung des Menschen, getrennt von der Entwicklung der anderen Lebewesen.

Naturwissenschaftliche Erkenntnisse haben unser Leben und unser Bild von der Welt nachhaltig verändert
Die naturwissenschaftliche Forschung, die in der Neuzeit unter der Prämisse »Als ob es Gott nicht gäbe« die Welt mit immer genaueren Methoden erkundet, hat erheb­liche Erfolge verzeichnen können. Ihre Theorien sind immer wieder verändert worden und unterliegen auch heute einer ständigen Änderung. Aber viele ihrer Erkenntnisse haben sich in hohem Maße bewährt. Kombiniert mit Möglichkeiten der technischen Nutzung, haben sie unser Leben nachhaltig verändert, zum Positiven wie zum Negativen.

Diese Entwicklung hat aber nicht nur das alltägliche Leben verändert, sondern auch unser Bild von der Welt. Im Laufe der Zeit wuchs mit der Erweiterung der Handlungsmacht der kulturell (nicht wissenschaftlich!) vermittelte Eindruck, die Wirklichkeit sei vollständig auf die wissenschaftliche Weise durch objektivierende Methoden zu erkennen. Was dieser Prüfung nicht standhält, kann kaum den Anspruch erheben, Teil der Wirklichkeit zu sein, höchstens als subjektive, nicht allgemein nachvollziehbare Deutung.

Religiöse Deutungen sind heute vor allem auf den Raum des Privaten und Subjektiven beschränkt 
Damit aber wurde der religiösen Deutung der Welt immer mehr der Boden entzogen. Als einziger Fluchtpunkt blieb die Selbstdeutung des Subjekts, das sich durch objektivierende Methoden der Naturwissenschaften nicht erfassen lässt. Das Subjekt ist dementsprechend der Ort der Spiritualität. Hier stehen religiöse Aussagen nicht in Konkurrenz zu naturwissenschaftlichen Aussagen, sondern müssen sich in der ei­genen Lebenserfahrung bewähren. Sie gelten für den Einzelnen vor allem dann, wenn sie für ihn eine Lebensbereicherung sind, wenn sie zu neuen Lebensmöglichkeiten oder zu tröstenden Deutungsmöglichkeiten bei Schicksalsschlägen verhelfen. Viel wichtiger als die Deutung der Wirklichkeit im Ganzen ist hier das Kriterium der Authentizität, also der Fähigkeit, die je eigenen Erfahrungen angemessen wiederzugeben.

Welche Antworten entwickelte die Theologie auf die neuzeitlich veränderte Erfahrung von Welt?
Im Laufe der Zeit sind verschiedene theologische Strategien entwickelt worden, mit dieser Situation umzugehen. Man kann zwei Richtungen unterscheiden. Dabei bleibt der Schlagabtausch zwischen fundamentalistischen Autoren auf der religiösen und atheistischen Autoren auf der wissenschaftlichen Seite außer Acht. Denn dieser Schlagabtausch ist mehr oder weniger unfruchtbar.

Antwort 1:
Naturwissenschaftliche und religiöse Behauptungen schließen sich nicht aus, sondern ergänzen einander
(1) Die erste theologische Richtung versucht nachzuweisen, dass naturwissenschaftliche und religiöse Behauptungen sich nicht gegenseitig ausschließen, sondern sich zueinander eher ergänzend verhalten. Gerade im angelsächsischen Raum gibt es viele Theologinnen und Theologen, aber auch Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler, die eine grundlegende Vereinbarkeit von Naturwissenschaft und Theologie sehen.

Dieser Vereinbarkeit kann man sich von beiden Seiten nähern: Einerseits haben die biblischen Aussagen nicht den Status wissenschaftlicher Thesen über die Welt; andererseits zeigen gerade neuere Erkenntnisse der Quantentheorie, der Chaosforschung und der Theorie der Selbstorganisation alles Lebendigen, dass die naturwissenschaftlich beschriebene Welt nicht einfach durch ein starres Korsett von ewigen Gesetzen bestimmt ist. Eher stehen beide Weisen der Interpretation der Wirklichkeit in einem Ergänzungsverhältnis, sodass die Behauptung des einen nicht die Verwerfung des anderen zur Folge hat.

Zu fragen ist allerdings: Welche Folgen hat denn die theoretische Versicherung der Vereinbarkeit von Naturwissenschaften und Theologie für unser konkretes Leben? Die Motivation dieser Vermittlungsansätze ist es eher, die Konfliktlosigkeit der unterschiedlichen Ansprüche der Weltdeutung sicherzustellen.

Antwort 2:
Trennung von naturwissenschaftlicher und religiöser Erfahrung
(2) In der anderen theologischen Richtung gehen die Denkansätze dem Konflikt mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen dadurch aus dem Weg, dass sie den eigentlichen Gegenstandsbereich der Theologie von der naturwissenschaftlich beschriebenen Welt trennen. Hier gibt es wiederum mehrere Varianten mit sehr unterschiedlichen theologischen Konzepten.

Manche Theologien, die von dem evangelischen Theologen Karl Barth inspiriert sind, argumentieren mit dem »Wort Gottes« und betonen den Unterschied zur Perspektive der methodisch ganz anders arbeitenden Naturwissenschaften. Für andere zeigt sich die theologische Dimension der Wirklichkeit erst, wenn die Aussagen an die Erfahrungen des Einzelnen, des Subjekts, rückgebunden werden. Damit knüpfen sie an die Entwicklung der modernen Frömmigkeit hin zu individuellen Glaubenserfahrungen und -deutungen an.

Zu fragen ist, ob die naturwissenschaftliche Perspektive auf die Welt nicht auch etwas mit dem christlichen Glauben zu tun hat? Kann man die christliche Kommunikation allein auf das erfahrende Subjekt eingrenzen? Ist etwa die Schöpfung nur ein subjektives Deutungskonzept einer objektiv vorgegebenen materiellen Umwelt?

Aber beide Vorstellungen sind geprägt durch eine starre Trennung zwischen Mensch und Welt
Alle diese Vorstellungen sind letztlich stark geprägt durch eine starre Subjekt-Objekt-Trennung: hier der Mensch, dort die Welt.

Kommt man dem Gehalt der biblischen Aussagen nicht näher, wenn man nach Wegen jenseits der Aufteilung in Subjekt und Objekt sucht? 
Meiner Ansicht nach zeigen die biblischen Texte eindeutig, dass das Evangelium Deutungsansprüche erhebt, die über die subjektiven Zugänge einzelner Menschen hinausgehen. Diese Ansprüche kann aber eine moderne Frömmigkeit, die sich auf die subjektive Deutung von etwas objektiv Gegebenem beschränkt, nicht einlösen. Das spüren viele Menschen. Sie erkennen daher die bleibende Herausforderung der naturwissenschaftlichen Beschreibung der Welt für das Selbstverständnis ihrer Religiosität.  

... denn als endliche Menschen  sind wir eingebunden in die Welt, die wir beschreiben wollen 
Man kommt dem Gehalt der biblischen Aussagen näher, wenn man Wege jenseits der neuzeitlichen Aufteilung zwischen Subjekt und Objekt sucht. Möglicherweise lässt sich unsere Wirklichkeit mit dieser starren Aufteilung gar nicht angemessen erfassen. Tatsächlich gibt es eigenständige Dimensionen der Wirklichkeit, die eher zwischen oder jenseits dieser Aufteilung anzusiedeln sind. Diese erschließen sich aber erst, wenn wir die Welt nicht als ein Gegenüber denken, sondern gewahr werden, dass wir als endliche Menschen unauflöslich in das eingebunden sind, was wir beschreiben wollen. Jede Vorstellung, die meint, die Welt vollständig als ein Gegenüber darstellen zu können, greift zu kurz. Denn sie vergisst, von welchem Ort aus diese Erkenntnis nur möglich ist: von unserer endlichen mensch­lichen Existenz aus, die vollständig Teil der zu betrachtenden Wirklichkeit ist.

Dann aber können wir nicht alles gleich gut in den Blick bekommen. Manches können wir auf Distanz betrachten, anderes dagegen ist uns einfach zu nah. Wir können nicht naiv einfach über »die Welt« nachdenken wie über eine Kaffeetasse oder eine Zahnbürste. Wir haben eben nicht Gottes Perspektive, aus der man die Welt im Ganzen sehen kann.

Tatsächlich zeigt sich die Wirklichkeit in manchen Erscheinungsweisen als ein Gegenüber, gerade dann, wenn wir sie mit naturwissenschaftlichen Methoden erkunden. Doch darf diese begrenzte Erscheinungsweise nicht mit der ganzen Wirklichkeit verwechselt werden. Denn auf eine andere Weise erscheint die Wirklichkeit, wenn wir selbst stärker beteiligt sind. Dann erscheint die Wirklichkeit so, dass sie uns berührt.

In unserem Verhältnis zur Wirklichkeit gibt es ein Mehr oder Weniger von subjektiv oder objektiv, aber nicht zwei getrennte Sphären
Die gerade noch nüchtern ausgemessene Galaxie wird zu einem kleinen Teil des atemberaubenden nächtlichen Himmels über uns. Wir erleben die Liebe eines Menschen nicht, wenn wir auf die neuronalen Aktivitäten des Gehirns achten, sondern ihm oder ihr in die Augen schauen. Wir erkennen die Atmosphäre eines Raumes nicht, wenn wir die Beleuchtungsstärke in Lux messen, sondern wenn wir uns in ihn hineinbegeben, den Raum auf uns wirken lassen. In den verschiedenen Dimensionen gibt es ein Mehr oder Weniger von »subjektiv« und »objektiv«, aber nicht zwei getrennte Sphären: hier der Mensch, dort die Welt.

Wir sollten diese Erscheinungsformen in ihrer Eigenständigkeit ebenso würdigen wie die distanzierenden Ergebnisse naturwissenschaftlicher Forschung. Es reicht nicht aus, sich allein auf die Extreme zurückzuziehen, also die absolute Verbundenheit mit der Wirklichkeit (unmittelbare subjektive Erfahrungen) oder auf die absolute Distanz von der Wirklichkeit (objektive naturwissenschaftliche Beschreibungen). Vielmehr sollten wir stärker auf die Erscheinungsweisen aufmerksam werden, die zwischen den Extremen vermitteln. Hier ist ein offenes Feld, das in unserer Kultur eher vernachlässigt wird. Deshalb ist eine Kultur zu fordern, die sich darin übt, jene Zwischentöne und -räume zwischen dem rein Subjektiven und dem rein Objektiven zu erkunden.

Die Gleichnisse Jesu von Nazareth verweisen gerade auf diese Dimensionen der Wirklichkeit. Sie zeigen sich nicht, wenn man das Leben distanziert beschreibt, sondern wenn man sich beteiligt, sich berühren lässt. Die Lilie auf dem Feld zeigt ihre zerbrechliche Lebendigkeit nur dem leiblich existierenden, atmenden Menschen neben ihr, nicht einer klassifizierenden Bestimmung der Pflanze.

Weisheitliche Theologie kann Sinnstrukturen der Wirklichkeit offenbaren, die über die unmittelbare persönliche Existenz hinausgehen und dennoch nicht zu einem geschlossenen Weltbild werden  
Zu fordern ist deshalb eine weisheitliche theologische Urteilskraft, deren Begriffe nicht die Welt erklären, sondern deren Wirklichkeitsdimension in eher poetisch-erzählender Weise zu erschließen hilft. Wenn man auf Gottes Wort hört, wenn man biblische Texte zu Rate zieht, dann können sich Sinnstrukturen in dieser Wirklichkeit offenbaren, die über die unmittelbare persönliche Existenz hinausgehen und die doch nicht zu einem geschlossenen Weltbild werden.

Die unterschiedlichen Erscheinungsweisen der Realität lassen sich nicht auf eine einzige und vollständige Anschauung reduzieren. Naturwissenschaftliche Theorien zeigen die Wirklichkeit, indem man objektivierende Methoden anwendet. Auf diese Weise können neue Zusammenhänge entdeckt werden. Doch auch jenseits dieser objektivierenden Methoden ist die Wirklichkeit in vielfältiger Weise zu entdecken. Das sollte insbesondere die Aufgabe der Theologie sein.

Die gerade noch nüchtern ausgemessene Galaxie wird zu einem kleinen Teil des atemberaubenden nächtlichen Himmels über uns.

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Dieser Beitrag ist in der Ausgabe 2/2013 der Zeitschrift Publik Forum, kritisch - christlich - unabhängig, Oberursel, erschienen.
Abdruck mit freundlicher Genehmigung von Publik Forum.

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Dr. Frank Vogelsang / 25.03.2013



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