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Theologie & Naturwissenschaften

Um es gleich zu Beginn zu sagen: Die verbreitete Auffassung, Theologie und Naturwissenschaften seien zueinander gegensätzlich wie Feuer und Wasser, ist ein Mythos.

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Das Bild zeigt einen Menschen, der auf einen Berg stehend, den Sonnenaufgang über einem nebelverhangenen Tal betrachtet. Mrexentric - pixabay.com/hbl Mrexentric - pixabay.com/hbl

Predigt von Dr. Frank Vogelsang am 3.11.2019 in Gummersbach

Lob der Schöpfung im naturwissenschaftlichen Zeitalter

Am Sonntag, 3. November 2019, hat Akademiedirektor Dr. Frank Vogelsang in der Evangelischen Kirche in Gummersbach gepredigt. Im Mittelpunkt seiner Predigt stand das Verhältnis von Glauben und naturwissenschaftlichem Weltverständnis. Die Predigt ist hier zum Nachlesen bereit gestellt.

qimono - pixabay.com Lupeqimono - pixabay.com

Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Und die Erde war wüst und leer, und es war finster auf der Tiefe und der Geist Gottes schwebte auf dem Wasser. Und Gott sprach: Es werde Licht! Und es ward Licht. Und Gott sah, dass das Licht gut war. Da schied Gott das Licht von der Finsternis und nannte das Licht Tag und die Finsternis Nacht. Da ward aus Abend und Morgen der erste Tag. (Genesis 1, 1-5)

Mit diesen Worten beginnt der Schöpfungsbericht der Bibel. Wir können den Text als Ausdruck der Verehrung Gottes verstehen. Gott hat alles wunderbar gemacht. Er hat das Licht geschaffen, die feste Erde, auf der wir laufen können, die Pflanzen, die Tiere und uns, die Menschen. Die Verse am Anfang der Bibel sind uns vertraut. Wir spüren ihre Würde. Doch sind sie uns auf der anderen Seite zugleich auch fremd geworden! Sie passen kaum mehr mit der Vorstellung von Welt überein, die wir heute haben.

Der Schöpfungsbericht - nur noch veraltete Lyrik?
Wenn wir an die Welt denken, denken wir an das Universum, an das Sonnensystem, die kleine Erde, wir denken an die Bilder, die uns die Naturwissenschaften vermitteln. Über Jahrtausende hörten die Menschen nicht nur einen Lob des Schöpfers, sondern sahen in den Versen der Bibel die genaue Darstellung der Entstehung der Welt. Ist der Schöpfungsbericht nun für uns moderne Menschen nur noch veraltete Lyrik?

… und die Menschen Zigeuner am Rande des Weltalls?
Manche gehen noch weiter. Sie lehnen im Namen der Naturwissenschaften die biblische Beschreibung der Schöpfung rundum ab. Der Biologe und Nobelpreisträger Jacques Monod zum Beispiel schrieb: „Wenn der Mensch die Botschaft der Wissenschaft in ihrer vollen Bedeutung aufnimmt, dann muss er endlich aus seinem tausendjährigen Traum erwachen und seine totale Verlassenheit, seine radikale Fremdheit erkennen. Er weiß nun, dass er seinen Platz wie ein Zigeuner am Rande des Universums hat, das für seine Musik taub ist und gleichgültig gegen seine Hoffnungen, Leiden oder Verbrechen.“ (nach Zufall und Notwendigkeit. Philosophische Frage der modernen Biologie, München 1971, 211)

Die Naturwissenschaften sind ihren Methoden verpflichtet
Aussagen wie die von Monod sind einzelne Stimmen, die bei weitem nicht für alle Naturwissenschaftler stehen. In der Regel beziehen sich die meisten Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler im Zusammenhang ihrer wissenschaftlichen Arbeit nicht auf Gott. Ihre persönliche Überzeugung ist von ihrer wissenschaftlichen Arbeit unabhängig. Sie wissen, dass die methodischen Grundlagen ihrer Wissenschaften keine Möglichkeit bietet, religiöse Aussagen zu machen.

Auch die biblischen Texte beschreiben Wirklichkeit
Aber es bleiben auch dann Irritationen, wenn man die wichtige Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher Methode und persönlicher Überzeugung beachtet. Denn die biblischen Texte wollen doch nicht nur etwas zu persönlichen Überzeugungen sagen, sie wollen nicht nur schöne Lyrik sein, sie wollen vielmehr die Wirklichkeit beschreiben, in der wir leben! Welche Bedeutung aber haben sie in einer naturwissenschaftlich beschriebenen Welt?

Die biblischen Texte bereichern das naturwissenschaftliche Verständnis der Welt
Ich möchte die folgende Überlegung mit ihnen teilen: Die biblischen Botschaften stellen nicht die Naturwissenschaften in Frage, sie sind keine Alternative, vielmehr bereichern sie unser modernes, naturwissenschaftlich geprägtes Verständnis der Welt! Sie begnügen sich nicht mit einer neutralen Aufzählung von Gegenständen, die in der Welt existieren. Diese Botschaften betreffen auch die naturwissenschaftlich beschriebene Welt, sie gehen aber über die naturwissenschaftliche Darstellung hinaus. Sie lauten: In dieser Welt gibt es keinen Ort, der mit Gott nichts zu tun hat. Und: Gott ist uns auch in dieser naturwissenschaftlich ausgemessenen Welt näher, als wir oft glauben.

Schueler-Design - pixabay.com Bild-LupeSchueler-Design - pixabay.com

Die Schöpfung Gottes ist umfassend, sie hat keine Grenze
Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde. Man könnte auch sagen: Am Anfang schuf Gott alles, was ist. „Himmel und Erde“ weisen an dieser Stelle darauf, dass die Schöpfung Gottes umfassend ist, dass es nichts gibt, das aus ihr herausfallen könnte. Die Schöpfung ist nicht nur die Erde, nicht etwas Begrenztes, hinter dem etwas anderes beginnt, das mit Gott nichts zu tun hat. Welchen Weg auch immer ich in dieser Welt wähle, immer ist Gott mir in seiner Schöpfung nah. Gerade dem Schöpfungsbericht ist es wichtig, dass die Schöpfung Gottes alles umfasst, was existiert: Himmel und Erde, Tag und Nacht, Licht und Dunkelheit.

… und aus Gottes Schöpfung können wir nicht fallen
Es gibt nichts außerhalb der Schöpfung Gottes. Es gibt in diesem Universum keine absolute Gottesferne. Wunderschön wird das im 139. Psalm zum Ausdruck gebracht: „Führe ich gegen Himmel, so bist du da, bettete ich mich bei den Toten, siehe, so bist du auch da. Nähme ich Flügel der Morgenröte und bliebe am äußersten Meer, so würde auch dort deine Hand mich führen und deine Rechte mich halten. Spräche ich: Finsternis möge mich decken und Nacht statt Licht um mich sein, so wäre auch Finsternis nicht finster bei dir und die Nacht leuchtete wie der Tag.“ In Gottes Schöpfung ist Gott gegenwärtig, aus Gottes Schöpfung können wir nicht fallen. Wir können uns in diesem Universum nicht letztgültig von Gott entfernen. Wohin wir auch gehen, welche Grenze wir auch überwinden – wir gehen mit Gott. Nähme ich eine Rakete und flöge über das Sonnensystem hinaus, so wäre ich auch dort nicht fern von Gott. Auch dort ist Gott, der Schöpfer von Himmel und Erde. Denn Gottes Schöpfung ist überall.

Gott schuf Himmel und Erde, also die ganze Welt. Aber diese Welt ist nicht überall gleich und nicht überall gut. Es gibt in dieser Welt Gottesnähe und Gottesferne. Die Bibel weiß davon, dass die Welt nicht perfekt ist. Dem Schöpfungsbericht folgt der Sündenfall. Leid und Unrecht sind ebenso Teil der Welt wie tief empfundene Freude und Erfüllung. Der Himmel ist in der Bibel der Ort Gottes. Wo in dieser Welt, die Gott schuf, ist er denn zu finden? Wir fragen so nach dem Himmel als dem Ort Gottes. Was die biblische Rede vom Himmel meint, wird eindrücklich in Texten des Neuen Testaments dargestellt.

Gott ist immer schon näher als wir glauben
Jesus hat vom nahenden Himmelreich gepredigt. Tatsächlich müssen wir, wenn wir Gott suchen, nirgendwo hingehen, Gott kommt auf uns zu, Gott ist immer schon näher als wir glauben. Im Matthäusevangelium wird das Gottesreich als das Reich der Himmel bezeichnet. Jesus sagt: Tut Buße, denn das Himmelreich ist nah herbeigekommen. Auch hier kann nicht wirklich ein bestimmter Ort, eine bestimmte Sphäre gemeint sein. Wir müssen nicht weit reisen, ferne Grenzen überwinden, wenn wir den Himmel suchen. Wenn das Himmelreich nahe herbeikommt, dann ist auch Gott nah, dann ist auch seine heilsame Kraft nah.

Der Himmel ist überall da, wo wir Gottes Nähe spüren können
Der Himmel steht so in einem engen Verhältnis zur Nähe Gottes. Der Himmel ist da, wo Gott nah ist. Wir beten im Vaterunser: „Unser Vater im Himmel“. Damit weisen wir nicht auf einen bestimmten, fernen Ort innerhalb unseres Universums. Wir weisen auf all jene Orte und Momente, in denen Gott nah ist. Und diese Orte und Momente lassen sich überall finden. Sie können aber auch überall übersehen werden. Es kommt also ganz entscheidend auf uns an, wie sensibel und offen wir sind.

Die Stärke der Naturwissenschaften sind ihre objektivierenden Methoden
Wir entdecken Gott nicht ein einer distanzierten und skeptischen Haltung der Welt gegenüber. Wenn wir Wissenschaft treiben, dann schauen wir aber notwendigerweise distanziert. Dann zeigt sich die Welt als eine Ansammlung physikalischer Prozesse. Auf diese Weise können wir in der Tat Gott nicht entdecken. Dann werden wir, wie Monod sagt, zu Zigeunern am Rande eines endlosen Weltalls. Die Naturwissenschaften betrachten die Welt mit objektivierenden Methoden. Das ist ihre Würde, ihre Stärke und zugleich auch ihre Grenze. Naturwissenschaftlerinnen und Naturwissenschaftler sind gehalten, nüchtern und unvoreingenommen die Welt zu betrachten. Dadurch haben sie viel gelernt und die Welt in mancher Hinsicht besser verstanden. Wir haben heute ein ganz anderes Verständnis vom Universum als die antiken Menschen oder die Menschen des Mittelalters. Wir haben auf diese Weise so manche falsche Vorstellung von der Welt überwinden können.

Gott erfahren wir nur, wenn wir uns von ihm ansprechen lassen
So wichtig und bereichernd also die distanzierende Haltung der Naturwissenschaften ist, so wenig können wir auf diese Weise alles entdecken. Wenn wir die Welt ausmessen, entstehen große Weiten und Entfernungen. Ist das Entscheidende vielleicht da ganz hinten, etwa jenseits unserer Galaxie? Müssen wir so weit gehen? Wenn man so fragt, kann man nicht erfahren, dass die Welt ein Ort der Nähe Gottes ist. Wenn wir die Welt ausmessen, erkennen wir viel, aber wir können nicht erfahren, dass sie auch ein Ort der Liebe ist. Die Liebe erfahren wir nur, wenn wir uns auf sie einlassen, wenn wir von ihr erfasst werden. Gott erfahren wir nur, wenn wir uns von ihm angesprochen werden und uns von ihm ansprechen lassen, wenn er uns nah kommt.

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Gotteserfahrung ist ein Teil dieser Wirklichkeit
So ruft der Psalmist: „Lobe den Herrn meine Seele und was in mir ist, seinen heiligen Namen. Lobe den Herrn meine Seele und vergiss nicht, was er dir Gutes getan hat, der dir alle deine Sünde vergibt und heilet alle deine Gebrechen, der dein Leben vom Verderben erlöst, der dich krönet mit Gnade und Barmherzigkeit.“ Wer Gott begegnet, wer nur eine Ahnung hat von Gott, kann nicht nüchtern und distanziert bleiben. Der erkennt, dass die Nähe Gottes nicht mit Geräten gemessen werden kann.

Ist diese religiöse Rede aber nicht nur eine Rede über die eigene Befindlichkeit, ist das nicht nur eine Rede über subjektives Erleben? Nein, es geht um tatsächlich auch hier um Erfahrungen in dieser einen Welt, in der wir leben. Es geht um dieselbe Welt, die wir ausmessen, es geht um die Welt der schwarzen Löcher und Sternenexplosionen, um die Welt der dunklen Materie und der Hintergrundstrahlung. In dieser einen Welt finden wir auch Liebe und Gerechtigkeit, in der Dunkelheit scheint Licht.

Distanziertes Betrachten und berührtes religiöses Erleben können nah beieinander liegen
Das distanzierte Betrachten und das berührte religiöse Erleben können manchmal ganz nah beieinander liegen. Was sehen wir, wenn wir in einer sternenklaren Nacht in den Himmel sehen? Wir sehen eine nahezu unendliche Vielzahl von Sternen, wir erahnen die endlosen Weiten. Wir sehen aber nicht nur Punkte, wir spüren auch etwas von der überwältigenden Größe des Weltalls. Dies erfüllt uns mit Ehrfurcht. Das kann ein Anlass sein, mehr erfahren zu wollen, Instrumente zum besseren Verständnis zu bauen. Das kann aber auch ein Anlass sein, einfach staunend zu betrachten. Der Theologe Schleiermacher hat das in eine wunderbare Formel gefasst: „Anschauen des Universums (…) ist die höchste Form der Religion.“ Das Anschauen ist hier aber gerade nicht die nüchterne Betrachtung, sondern die Entdeckung, dass der nächtliche, sternenklare Himmel gerade dann sehr viel über die Welt aussagen kann, wenn er uns anrührt. Er kommt uns so nah, er berührt uns. Wenn die Welt als Himmel erscheint, wenn die Nähe Gottes spürbar ist, wenn wir den Himmel auf Erden erleben, dann sind wir nicht nüchtern, sondern erfüllt, spüren wir etwas, für das uns angemessene Worte fehlen.

Der Himmel ist da, wo wir Menschen in dieser Welt Gott erfahren können
Wo also ist der Himmel? Der Himmel ist nicht jenseits von Grenzen, er ist nicht dort hinten oder dort droben. Der Himmel ist da, wo wir Menschen in dieser Welt Gott erfahren können. Matthäus schreibt: „Das Himmelreich gleicht einem Schatz, verborgen im Acker, den ein Mensch fand und verbarg. Und in seiner Freude ging er hin, und verkaufte alles, was er hatte und kaufte den Acker.“ Wichtig und zentral ist hier die Freude. Wer Gottes Nähe erlebt, wer etwas von dem Himmelreich erspürt, der ist voller Freude. Diese Freude ist ein Zeugnis von Gott, dem Schöpfer von Himmel und Erde auch in unserer Zeit. Wir können auch in den Zeiten naturwissenschaftlicher Forschung den Himmel in dem Universum immer wieder neu entdecken.
Gott sei Dank! Amen

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FV, ms / 04.11.2019



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