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Theologie & Naturwissenschaften

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Mensch

Ist Gott nur ein Produkt des Gehirns?

Gott befindet sich als Vorstellung allein im Gehirn des Menschen, sagt der Neurowissenschaftler. Der Theologe widerspricht: Gott ist größer als der Geist des Menschen

Prof. Ulrich Eibach (links) im Gespräch mit Professor Henrik Walter Prof. Ulrich Eibach (links) im Gespräch mit Professor Henrik Walter

Diese unterschiedlichen Positionen vertraten der Theologe Professor Ulrich Eibach und der Mediziner Professor Henrik Walter bei einem Gespräch mit dem evangelischen Magazin Die Moderation des Gesprächs lag bei Chefredakteur Volker Göttsche und Dr. Frank Vogelsang.

Wir veröffentlichen dieses Gespräch hier auf unserer Internet-Seite mit freundlicher Genehmigung der Redaktion von "chrismon plus rheinland" und der beiden Interviewpartner.

Zur Person:

Ulrich Eibach
65, ist Professor für Systematische Theologie und Ethik an der Universität Bonn, evangelischer Pfarrer und Seelsorger am Universitätsklinikum Bonn. Er setzt sich in seinem Buch „Gott im Gehirn? Ich – eine Illusion?“ mit neuen Erkenntnissen der Neuro­wissenschaft auseinander. 
Die Gewissheit, dass Gott und Liebe keine Projektionen sind, erhält der Mensch durch das subjektive Erleben.

Henrik Walter
45, arbeitet als Professor für Medizinische Psychologie an die Universität Bonn und ist zugleich Leitender Oberarzt der Klinik und Poliklinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Universitäts­klinikum Bonn. Er hat ein Buch über die „Neurophilosophie der Willensfreiheit“ geschrieben. 
Ich meine, dass Menschen kognitive Module besitzen, die sie zu gläubigen Menschen machen.

chrismon plus rheinland: Herr Walter, Sie erforschen das menschliche Hirn, indem Sie im Computertomograf Bilder der Gehirntätigkeit aufnehmen und auswerten. Macht es Spaß, Menschen beim Denken zu beobachten?

Henrik Walter: Ja, das macht Spaß. Wir erforschen Ursachen psy­chischer Störungen, aber auch Emotionen und moralische Ent­scheidungsfindungen. Das sind spannende Themen, mit denen ich mich auch beschäftigen würde, wenn es nicht Teil meines Berufs wäre.

chrismon plus rheinland: Herr Eibach, Sie haben Erfahrung in Meditation. Würden Sie sich beim Meditieren scannen zu lassen?

Ulrich Eibach: Ich könnte mir vorstellen, mich für Versuche zur Verfügung zu stellen. Aber meditieren könnte ich im Tomograf si­cherlich nicht. Dafür ist es dort zu laut und die Umgebung zu künstlich und technisch. Meditation erfordert ein Umfeld, in dem man nicht abgelenkt wird.

chrismon plus rheinland: Der amerikanische Radiologe Andrew Newberg hat es geschafft, Mönche und Nonnen im Tomograf zum Meditieren zu bewegen. Und herausgefunden, dass ein Teil ihres Gehirns während spiritueller Erlebnisse quasi ausgeschaltet ist. Jetzt streitet die Wissenschaft, ob Glaube im Gehirn entsteht.

Walter: Dass man in der Meditation das Gefühl hat, der Körper trete aus dem Raum, ist aus psychologischen Untersuchungen be­kannt. Jetzt weiß man, dass dieses Erlebnis mit bestimmten Vorgängen im Scheitellappen in der Hirnrinde einhergeht. Das ist so aufsehenerregend nicht. Da gibt es viel interessantere Ansätze aus anderen Bereichen der Neurowissenschaft. Der französische Religionspsychologe Pascal Boyer etwa hat die These aufgestellt, dass der Glaube aus der Kombination bestimmter geistiger Fähigkeiten entsteht, die zur Natur eines jeden Menschen gehö­ren. Wenn diese auf eine bestimmte Weise zusammenwirken, ent­steht Glaube.

Eibach: Das bezweifle ich. Der Glaube setzt eine geistige Wirk­lichkeit außerhalb des Menschen voraus. Hier sind wir schon am Grundproblem in der Debatte um die neurowissenschaftliche Religionskritik. Materialistisch denkenden Forscher sagen: Die Welt ist abgeschlossen, es kann keinen Einfluss von außen geben. Andere denken das System offen. Zu ihnen gehört auch Andrew Newberg. Der sagt: Wenn sich im Gehirn Strukturen aufzeigen lassen, in denen sich religiöse Erlebnisse physiologisch widerspie­geln, dann ist es wahrscheinlich, dass das Gehirn gleichsam ein „Empfänger“ ist für eine religiös­transzendente Wirklichkeit. Die Biologie des Gehirns ist offen dafür. Also ist es wahrscheinlich, dass es diese Wirklichkeit auch gibt.

chrismon plus rheinland: Diese Debatte hat noch mehr Schwung bekommen, seit der kanadische Neuropsychologe Michael Persinger spirituelle Erlebnisse hervorgerufen hat, indem er Menschen einen Helm mit einem stimulierenden Magnetfeld aufsetzte. Die meisten nahmen eine höhere Wirklichkeit wahr, die Christen unter ihnen sprachen sogar von der Gegenwart Gottes.

Walter: Wer annimmt, solche mystischen Erlebnisse seien etwas Besonderes und könnten allein dadurch erklärt werden, dass im Menschen eine besondere Kraft oder Substanz wirksam wird, der hat damit ein Problem. Denn um zu solchen Erlebnissen zu kom­men, reicht ganz offensichtlich das normale Gehirn.

Eibach: Es hat tatsächlich philosophische Strömungen gegeben, die „Seele“ so verstanden haben, wie Sie es beschreiben: als beson­dere Substanz göttlichen Ursprungs im menschlichen Körper. Im biblischen Denken aber ist mit „Seele“ etwas anderes gemeint: das Innerste des Menschen, wo der Mensch empfänglich ist für eine Begegnung mit Gott. Der Apostel Paulus spricht in der Bibel da­von, dass Gottes Geist unserem Geist Zeugnis gibt davon, dass wir Gottes Kinder sind (Römer 8,16).

Walter: Bei aller Faszination: Besondere religiöse Erlebnisse sind eher die Ausnahmen. Was wir eigentlich erklären müssen, ist, wa­rum es für die meisten Menschen auf der Welt normal ist zu glau­ben. Wie kann man das erklären? Ich meine, dass Menschen kog­nitive Module besitzen, die sie zu gläubigen Menschen machen. Eben sprachen Sie von der Begegnung mit Gott und davon, mit ihm in Kontakt zu treten. Was machen Sie dann anderes, als ein personales Interaktionsmodul anzuschalten? Jeder Mensch weiß, wie man mit Personen redet, die man überzeugen will, dass man ihnen vielleicht etwas geben, vielleicht sogar opfern muss. Wenn wir zu diesen alltäglichen Elementen unserer Erfahrung eine au­ßergewöhnliche Zutat hinzufügen, etwa die Vorstellung, man kann mit jemandem reden, der körperlich nicht anwesend ist: Schon haben wir das Konzept eines geistigen personalen Wesens. Dies waren in fast allen religiösen Systemen Ahnen oder Geister, im Monotheismus wird dies dann auf eine einzige allmächtige Person bezogen. Dieser Gott trägt so viele menschliche Züge – ich sehe darin die Vergöttlichung der menschlichen Kommunikation.

Eibach: Dass der Mensch solche Module im Gehirn hat, bestreite ich nicht. Diese Anlagen befähigen den Menschen, die geistig­göttliche Wirklichkeit wahrnehmen zu können – so dass diese überhaupt in Erscheinung treten kann. Außerdem hat der Mensch nur seine Sprache, seine Bilder, um von dieser Wirklichkeit zu zeugen. Daraus lässt sich aber nicht schließen, dass der Mensch diese Wirklichkeit im Kopf produziert, Gott also nur die Projektion menschlicher Wünsche oder Ergebnis neurophysiologischer Vor­gänge ist. Dann wäre auch die menschliche Liebe ein Produkt des Gehirns – ich würde sie nur in meine Frau hineinprojizieren. Das könnte man vom Standpunkt eines außenstehenden neutralen Beobachters aus so sehen, aber dann versteht man das Phänomen Liebe nicht in sich. Die Gewissheit, dass Gott und Liebe keine Projektionen sind, erhält der Mensch durch das subjektive Erleben.

Walter: Hier erfolgt wieder der Rückzug auf das religiöse Erleben. Viele Menschen sagen: Ich kann zwar nicht beweisen, dass es Gott gibt, aber meine Art des religiösen Erlebens spricht dafür. Weil es anders ist als wie ich die Welt erfahre, wie ich Mitmenschen oder Filme erlebe. Ist dies die Grundlegung des Glauben, spielen die schon erwähnten Experimente zur Auslösung religiöser Erlebnisse durch Hirnstimulation natürlich eine Rolle: Sie macht dieses Erleben als Grund für die Existenz eines Gottes fragwürdig.

chrismon plus rheinland: Die Neurowissenschaft hat nicht nur neue Diskussionen um die Gottesfrage angestoßen, sondern auch um die Frage nach der menschlichen Willensfreiheit. Die meisten Menschen sind davon überzeugt, dass sie frei und unabhängig über ihr eigenes Leben bestimmen können. Stimmt das?

Walter: Der Mensch ist freier als Tiere und freier als Maschinen. Aber das ist eine relative Freiheit. Sie bedeutet nur, dass wir in be­stimmten Situationen rational entscheiden, dass wir unter ähn­lichen Umständen so oder auch anders handeln könnten. Aber sie bedeutet nicht, dass wir eine absolute Wahl haben, eine unbe­dingte Freiheit. Die gibt es nicht.

Eibach: Theologisch gesagt: Unbegrenzt frei ist nur Gott. Die menschliche Form der Freiheit ist die eines Geschöpfes. Die Theologie hat den Freiheitsbegriff allerdings noch weiter einge­schränkt. Schon im frühen Christentum wurde die Frage, inwieweit der Mensch gegenüber Gott und gegenüber sich selbst frei ist, damit beantwortet, dass er immer auch durch die Sünde, seine Begierde, seine Selbstsucht bestimmt ist. Diese Dimension der Sünde ver­schließt den Menschen gegenüber Gott und Mitmenschen.

Walter: Begierde kann ich nachvollziehen, Sünde nicht. Und so et­was wie Erbsünde schon gar nicht.

Eibach: Faktisch lebt der Mensch selbst seine geschöpfliche Freiheit nicht. Deshalb ist Freiheit theologisch immer als Befreiung gedacht worden. Der Mensch muss im Glauben von sich selbst zu sich selbst und zur Nächstenliebe befreit werden. Martin Luther hat das klassisch in seiner Freiheitsschrift „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ ausgedrückt.

Walter: Hier trennen sich unsere Auffassungen radikal. Wenn es überhaupt Freiheit gibt, dann ganz bestimmt nicht dadurch, dass sie von einem göttlichen Wesen geschenkt wird, sondern indem der Mensch sie sich erarbeitet und seine Fähigkeiten voll ausschöpft.

chrismon plus rheinland: Wie steht es um die Freiheit, wenn ein Mensch krank wird oder kriminell?

Walter: Der begrenzte Freiheitsraum des Menschen wird bei Zwangserkrankungen oder schweren Depressionen noch sehr viel stärker eingeschränkt. Ob jemand als krank gilt, ist dabei auch ei­ne Frage von normativen Festlegungen. Daher gibt es einen gro­ßen Graubereich. Der wird relevant, wenn wir über Kriminalität reden. Sicher gibt es kriminelles Verhalten, dass im medizinischen Sinne krankhaft ist. Das hat beispielsweise damit zu tun, ob je­mand durch sein Gehirn dazu disponiert ist, Angst zu haben oder das Leid anderer Menschen zu spüren. Es gibt natürlich auch Kriminelle, die im gleichen Sinne selbstbestimmt sind wie Gesunde – und trotzdem kriminell geworden sind.

Eibach: Dazu ein Beispiel: Ein Kollege hat mir vor langer Zeit von einem Mann berichtet, der im Eifersuchtswahn Frau und Kind ge­tötet hat. Er kam in die forensische Psychiatrie. Man hat ihm ge­sagt: Das waren nicht Sie, das war die Krankheit. Der Mann kam daraufhin zu meinem Kollegen: „Herr Pfarrer, aber es waren doch meine Hände, die sie umgebracht haben! Jetzt nehmen sie mir auch noch das, dass es meine Hände waren.“ Ein Mensch, der wusste, dass er krank war, hat es dennoch als tiefe Kränkung emp­funden, dass man sagte: Nicht er, sondern etwas hat diese Tat voll­bracht. Das endete bei ihm dann auch im Suizid. An diesem si­cherlich extremen Beispiel können Sie sehen, wie tief doch im Menschen ein Wissen darum ist, dass man verantwortlich ist.

chrismon plus rheinland: Dennoch müssen Richter darüber entscheiden, ob ein Mensch so unfrei ist, dass er nicht mehr schuldfähig ist.

Eibach: Aber wo fängt krankhaft bedingte Unfreiheit an? Das sind gleitende Übergänge, da kann man keine Grenzen ziehen. Die Juristen sind in der schwierigen Lage, dass sie, weil sie darauf ihr Strafmaß aufbauen, eine solche Zäsur finden müssen, aber man hat sie eigentlich nicht.

Walter: Stimmt. Die Gesellschaft braucht offenbar Schubladen: Die Guten ins Kröpfchen die Schlechten ins Töpfchen: Entweder schuldfähig – oder nicht. Es ist ungemein praktisch, Menschen so einzuteilen. Aber leider entspricht es nicht der Wirklichkeit. Wir haben jetzt das Problem, dass wir manche dieser Faktoren, die kri­minelle Handlungen eines Menschen wahrscheinlicher machen, inzwischen nachweisen können – zumindest ansatzweise. Dies müssten wir bei der Bewertung von Handlungen berücksichtigen. Aber sollen wir das bei jedem Verbrecher tun? Und wie sollen wir die Befunde einbauen in unser System? Da werden schon Grundfesten unseres über Jahrtausende gewachsenen Rechtsver­ständnisses erschüttert.

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Mit freundlicher Genehmigung von chrismon plus rheinland und der beiden Interviewpartner / 14.11.2007



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